Aus dem Fundus Museum Rade

Oskar Kokoschka: Clowns in der Manege, Farblithographie, o.J.
Oskar Kokoschka: Clowns in der Manege, Farblithographie, o.J.

Sonntag, 23.11.2014
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Meisterwerke aus dem Fundus des Museums
Dauer der Ausstellung bis 15.2.2015

 

Das Museum Rade ist einer interessierten Öffentlichkeit bekannt als Forum volkstümlicher Künste. Kunstwerke aus allen Teilen der Erde sind hier zu sehen, teils ruralen Ursprungs, teils entstanden aus der naiven Freude am künstlerischen Tun. Doch auch Werke von namhaften Meistern der Bildenden Kunst haben in diesem Haus ihren Platz gefunden. Und: einmal jährlich zeigt das Museum Kunstwerke aus seinem Fundus. In diesem Winter sind es solche Werke von Meisterhand, MeisterWerke eben.

Gezeigt werden Aquarelle,  Zeichnungen in  Kreide und Graphit, Pastelle, Bilder in Öl und Tempera, Lithographien, Holzschnitte und Plastiken, insgesamt 49 Exponate von 38 KünstlerInnen. Internationale Namen von Weltrang sind darunter: Henri Matisse, Pablo Picasso und Paul René Gauguin der Enkel des Südseemalers; Frans Masereel, Hans Arp und Max Bill, um nur diese zu nennen, aber auch deutsche Künstler von herausragendem Ruf, angefangen beim Altmeister Ludwig von Hofmann über den Expressionisten Ludwig Meidner, über Oskar Kokoschka, bis hin zur Schöpferin des berühmten Berliner Bären Renée Sintenis. Die Hamburger Künstlerschaft spielt dazu eine ganz große Rolle, insbesondere die Künstler der „Hamburgischen Secession“. Namen wie Ivo Hauptmann, Fritz Kronenberg, Eduard Bargheer, Gustav Seitz, Alfred Mahlau, Hans Leip und Gerhard Marcks wären hier stellvertretend zu nennen.

Die Lebensläufe der meisten hier ausgestellten bildenden Künstler reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Ihre Kunstwerke sind häufig in der Zeit des Aufbruchs zur Nachkriegsmoderne entstanden, sind somit Zeugnisse einer Zwischenzeit, mitunter noch ganz der tradierten bildenden Kunst verschrieben, die das Abbild des Menschen und die ihn umgebende Welt zum Thema hat. Die Natur, so wussten die Künstler von alters her, hat alle Formen schon hervorgebracht, noch bevor der Mensch ihr seinen Willen aufzwingen konnte. Sie ist die große Schöpferin allen Lebens, mit der menschlichen Figur an der Spitze, und sie ist die Hürde, die der Künstler zu nehmen hat, will er in seiner Kunst authentisch sein. So bleiben in dieser Ausstellung die Kunstwerke dem Gegenstand verbunden und dem Maß der menschlichen Proportion. Damit stellt sich eine Leichtigkeit, Anmut und Harmonie ein, der man sich gerne anvertraut.
Eine allmähliche, sehr behutsame Hinwendung zur gegenstandslosen abstrakten Kunst ist dennoch ansatzweise erkennbar, ohne dass das Informelle schon in Erscheinung tritt. Dagegen werden Geschichten erzählt; Geschichten vom Menschen und ihrem Tun. Portraits und Akte dominieren, Szenen im Garten, im Circus, in Parks und Uferlandschaften stehen im Mittelpunkt; alles in allem eine heile Welt, von der berichtet wird, eine Welt dazu angetan, die Schrecken der beiden großen Kriege vergessen zu machen, die beinahe alle KünstlerInnen dieser Ausstellung miterleben mussten.

Und: die Zeitgebundenheit der Lebensläufe, hat natürlich auch mit dem Sammler Rolf Italiaander zu tun und seiner Lebenszeit von 1913 bis 1991. Etliche dieser Kunstwerke sind ihm, dem Gründer des Museums Rade, gewidmet. Auf seinen vielen Reisen hat er immer wieder Künstler in ihren Ateliers aufgesucht und dabei oftmals Freundschaften begründet. Als Ständiger Sekretär der Freien Akademie der Künste in Hamburg unterhielt er darüber hinaus häufig freundschaftlichen Kontakt zu den bildenden Künstlern der Hansestadt. Viele von ihnen hatte er schon in den Vorkriegsjahren  in Berlin oder auch in seiner Heimatstadt Leipzig kennen gelernt und  für manche von ihnen nach dem Krieg  Ausstellungen organisiert und ihnen mitunter Künstlermonographien gewidmet. Ganz nebenbei entstand so eine Sammlung meisterhafter Werke nationaler und internationaler Künstlerpersönlichkeiten von Rang.

Für Rolf Italiaander war die bildende Kunst – wie überhaupt alle Kunst – ein Mittel der Völkerverständigung. Ihm ging es darum, Künstler und ihre Werke vorzustellen, besonders die außereuropäischen Kulturen, Religionen und Ethnien bekannt zu machen. Es galt ihm, Vorurteile abzubauen, Fehleinschätzungen zu korrigieren, Verständnis zu wecken; so die zentralen Anliegen des Reiseschriftstellers und Völkerkundlers Rolf Italiaander. Dieses Anliegen hat er in Form des Museums Rade der Nachwelt überliefert. Seinem Anliegen und seinem  Anspruch fühlt sich unsere Arbeit hier im Reinbeker Museum verpflichtet.

Mit diesem Versprechen könnte ich meine kurze Einführung eigentlich enden, da es ohnedies nicht möglich ist zu jeder und jedem der hier ausgestellten KünstlerInnen detailliert Stellung zu nehmen. Aber ich will der Versuchung nachgeben und noch einiges, wie ich denke, Wesentliches ins Gedächtnis rufen. Eine Ausstellung wie die, welche wir heute präsentieren können, ist ein wichtiger Teil unseres kulturellen Umfelds. Und: Kultur ist und bleibt nichts weniger als die tragende Geistesverfassung und Werteeinstellung eines Volkes und einer Gesellschaft durch die Zeiten hinweg. In ihr verbinden sich Tradition und Bildung zur Einheit menschlicher Gesittung. Sie ist ein zutiefst humanes Mittel der Orientierung und Sinngebung. Sie ist recht eigentlich die Mitte des Humanen und somit aller Demokratie. So sehr sie jede Ideologie ablehnt, so sehr fördert und fordert sie Utopie und Phantasie. Ein Ort aber, an welchem Phantasie und Utopie erlebbare Wirklichkeit werden, ist das Museum, wo man dem schöpferischen Geist im Kunstwerk begegnen kann.

Gerade vor dem Hintergrund eines sich immer schneller vollziehenden Wandels in den Bereichen Wirtschaft, Technik, Gesellschaft, Politik und sozialer Fürsorge tragen Kunst und Kultur zur Sinngebung und Lebensbereicherung des Einzelnen bei. Sie sind damit im wahrsten Wortsinn Lebensmittel, an denen möglichst alle Menschen teilhaben sollen. Kunst und Kultur sind unverzichtbare Elemente einer dem Ziel der menschlichen Stadt verpflichteten Stadtentwicklung, die über die technische Infrastruktur weit hinausgeht. Und sie bilden damit einen Kernbereich kommunaler Autonomie und sind wesentlicher Bestandteil der Daseinsfürsorge.

Gerade in unserer Stadt hatten und haben Kunst und Kultur hervorragende Voraussetzungen, um sich verwirklichen zu können: und sie treffen auf ein Publikum, das interessiert und aufgeschlossen ist. Nach wie vor gilt: Kultur ist und bleibt ein Lebensmittel für den Menschen. Sie ist die Bewahrerin des Guten und Geistigen und damit des Wahren, Freien, Schönen und Rechten. Sie ist das große Lösungsmittel für Dummheit und Hass.

Beugen wir uns nicht dem Diktat der Medien und Märkte, sondern erfreuen wir uns an den Werken der Kunst, die Zeit und Ort überdauern und gegenwärtig sind und bleiben; auch an den Exponaten dieser Ausstellung, die in ihren ästhetischen Erscheinungsformen Zeugen sind des immer währenden menschlichen Schöpfergeistes.

Bernd M. Kraske

Noch einmal Marrakech

Hans Werner Geerdts, Mutter mit Kind; Acryl/Papier, 1994
Hans Werner Geerdts, Mutter mit Kind; Acryl/Papier, 1994

Sonntag, 21.9.2014
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Noch einmal Marrakesch
In memoriam Hans Werner Geerdts
Malerei und Zeichnung
Dauer der Ausstellung bis 16.11.2014

 

Dass wir heute eine Ausstellung mit Kunstwerken von Hans Werner Geerdts eröffnen können, verdanken wir einer langjährigen gedeihlichen Zusammenarbeit mit dem Künstler. Einer anfänglichen Freundschaft und Zusammenarbeit mit unserem Gründervater Rolf Italiaander folgten drei Ausstellungen im Schloss und hier im Hause, an denen Geerdts immer anwesend war, und die wir immer so terminierten, dass er den islamischen Fastenmonat Ramadan umgehen konnte. Aus dieser Zusammenarbeit erwuchs peu a peu eine Vertrautheit, die schließlich dazu führte, dass Hans Werner Geerdts der Stiftung Sammlung Rolf Italiaander/Hans Spegg seinen gesamten Bestand an eigenen Kunstwerken schon zu Lebzeiten vermachte. Unsere Aufgabe wird es sein, auch zukünftig Themenausstellungen aus seinem Oeuvre zu zeigen.

Die heutige Ausstellung des 1925 in Kiel geborenen Künstlers nimmt uns mit auf eine Reise ins tausendjährige Marrakesch, wo er gut fünfzig Jahre lebte, bis zu seinem Tod im August vorigen Jahres. Leben hieß für ihn arbeiten: malen, zeichnen und schreiben.

Nach Schulzeit, Kriegseinsatz und Gefangenschaft versuchte sich Geerdts gleich nach Kriegsende als Schauspieler an der Schleswig-Holsteinischen Landesbühne und wechselte schon bald an die Pädagogische Hochschule seiner Heimatstadt Kiel. Dem nachfolgenden Lehrerberuf blieb er nur kurze Zeit treu, und als er beamtet werden sollte, floh Geerdts zu Willi Baumeister nach Stuttgart, um bei ihm Malerei zu studieren. Als er sich 1956 auf einer Reise nach Bagdad befand, um dort dem Gilgamesch-Epos nachzuspüren, erreichte ihn die Nachricht vom Tode Baumeisters, und er beschloss, in Bagdad zu bleiben. Um sich durchzubringen, arbeitete Geerdts am Zeichenbrett, hielt Vorträge, erlernte Drucktechniken und reiste vagabundierend durch die Welt. Nach dreijährigem Zwischenspiel auf Formentera landete er schließlich in Marrakesch, das ihn nie mehr loslassen sollte.

Es ist nicht übertrieben, Geerdts einen frühen Aussteiger zu nennen. Er war einer, der sich lossagte, der sich nicht fügte ins Normenmuster unserer Zivilisation, ohne dass er diese negierte oder angriff. Er wollte lediglich frei sein dürfen, seinen eigenen Vorstellungen entsprechend leben und arbeiten, all das was ihm Spaß machte – also malen und zeichnen: Bilder von Menschen und vom Menschen. Die Quelle ständiger Inspiration lag dabei quasi vor seiner Haustür:
Djema el Fna, ein großer zentraler Platz, auf dem täglich Wahrsager, Schlangenbeschwörer, Zauberer, Magier, Geschichtenerzähler, Musiker und Akrobaten ihr Publikum um sich versammeln. Das „um sich versammeln“, die Ballung von Menschen um einen Mittelpunkt, die konzentrische Anordnung von Leibern und Figuren, das war sein Thema, hier fand Geerdts auch den Schlüssel für den kompositorischen Bau seiner Bilder. Diese stellen oftmals von höherer Warte aus dar. Man blickt auf ein Gewirr ameisengrosser Menschen, die herbeilaufen und wieder auseinanderstreben, bis sie sich wieder um einen anderen Mittelpunkt versammeln. Aneinandergereiht bilden die Zeichnungen einen dynamischen Prozess an, das konvulsivische Zucken der Natur mit ihrem Rhythmus zwischen Bewegung und Erstarrung.

Thema ist also der Mensch als Masse oder sollten wir nicht doch lieber sagen als Menge, denn es handelt sich in Geerdts Kunst eben nicht um Entindividualisierung, sondern um Beschwörung und Bestimmung des Einzelnen im Gewimmel der Vielen. Auch wenn wir auf einem Bild hunderte von Personen antreffen, jede ist von jeder verschieden. Bei äußerst genauer Betrachtung erkennt man charakteristische Details. Hier kommt einer gerannt, dort bückt sich einer, der hält den Kopf zur Seite, ein anderer scheint gerade vom Rad zu steigen, usw…. Geerdts reduziert den abgebildeten Menschen bis auf wenige, wesentliche Charakteristika. „Der originale Künstler verlässt das Bekannte und das Können. Er stößt bis zum Nullpunkt vor.“ Diese, von Willi Baumeister formulierte künstlerische Haltung, war das Credo Geerdts ´.

Die Individualität des Menschen wird von alters her im Portrait gestaltet. Das Gesicht unterscheidet und macht eindeutig. Geerdts ließ dies als bekannt hinter sich und ging radikaler vor. Was seine Menschen bestimmt und festlegt, sie charakterisiert und zu Individuen macht, sind ihre Bewegungen, die wie ein Zug, wie ein Hauch oder Hieb in der Luft hängen bleiben. Es ist der biologische Rhythmus jedes Einzelnen, der Geerdts interessierte und der auf seinen Bildern in Momentaufnahmen erstarrt, und der jeden Menschen unverwechselbar macht. Dem Künstler kam dabei zugute, dass in der maurisch islamischen Kunst die Darstellung des menschlichen Antlitzes verboten ist. Geerdts fügte sich dieser Prämisse und wurde auch dadurch als Künstler frei für die Anschauung menschlicher Dynamik.

Neben dem bildnerischen Werk, das seinen Arbeitsschwerpunkt markiert, arbeitete Geerdts auch schriftstellerisch. Seine Erzählungen, Prosaskizzen, literarische Miniaturen und autobiographischen Texte beziehen sich überwiegend auf seine Erfahrungen im marokkanischen Kultur- und Lebensraum, sind aber zum Teil auch von den vielfältigen Studienaufenthalten in Südamerika und Asien inspiriert. Literarische Arbeiten von Geerdts liegen neben deutsch auch in französischer und arabischer Sprache vor. Wie in seiner Malerei, geht es auch in seinen Texten immer wieder um die Menschen, denen er begegnete und denen er mit Neugier und Sympathie entgegentrat.

Die handwerklichen Mittel, die er bei seiner bildnerischen Arbeit anwendete, waren ebenso alt wie einfach: Rupfen, Stoff, Papier, Feder und Tusche, Kreide und wasserlösliche Farben, später gesellte sich noch Acryl hinzu. Meist reichten ihm schon schwarz und weiß, manchmal auch ergänzt durch Blau- oder Rottöne. Im Vordergrund stand aber immer die menschliche Figur, ihre Bewegung und immanente Kraft und Spannung. Sie allein waren ihm wichtig.
Neben den Bildern vom Menschen treten karge Landschaften, auf wenige Linien und Striche reduziert, schwarze Konturen, mehr nicht. Die Ansicht der Landschaft verweist dabei auf ein weiteres Thema des Geerdt´schen Schaffens, das sich in den Bergen des Atlas, in den Höhlen und Felsengängen finden lässt: Felszeichnungen von Menschen der frühesten Kultur- und Zivilisationsstufe.

Die Präsentation dieser Kunstwerke bleibt allerdings einer späteren Ausstellung vorbehalten. Die heutige dreht sich ausschließlich um Geerdts zweite Heimat, um Marrakesch und die Menschen, die dort leben.

Damit man sich ihnen auf Geerdt´sche Weise nähern kann, muss man ein Bewusstsein von ihnen haben, das weit über Zeit und Ort hinausgeht und das um ein „Schonimmer“ und ein „Nochimmer“ weiß. In Geerdts figurativen Darstellungen des Menschen wird eben dies geleistet. Sie sind Bildnisse vom Mythos des Menschlichen. Auf anmutige, leichte und auch manchmal augenzwinkernde Weise triumphiert darin das Kreatürliche über das Zivilisatorische. Hans Werner Geerdts Bilder belegen aufs Schönste und geben Zeugnis von jenem tumultuösen Fest, das wir alle und zu jeder Zeit gemeinsam feiern, und das wir Leben nennen.

 

Teubert, Gezeichnete Landschaft

Teubert, Hartmannsdorf
Rainer Erhard Teubert, Hartmannsdorf 1986, Kohlezeichnung

Sonntag, 20.7.2014
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Rainer Erhard Teubert
Gezeichnete Landschaft – Eine Auswahl aus 60 Jahren
Dauer der Ausstellung bis 14.9.2014

 

Der Maler, Zeichner und Lyriker Rainer Erhard Teubert, der in ländlicher Abgeschiedenheit in Grinau, nahe Lübeck lebt, stellt bei uns in Reinbek zum wiederholten Male aus. Er ist hierzulande kein Unbekannter. Viele Ausstellungen waren im Lande zu sehen. 2006 zeichnete ihn die Stiftung Herzogtum Lauenburg mit ihrem renommierten Kulturpreis aus.
Aufgewachsen in Hartmannsdorf am Rande des Erzgebirges, war er von ländlichen Räumen umgeben, von Naturlandschaft, die prägend für ihn war und ist und in seinem künstlerischen Werk tiefe Spuren hinterlassen hat.
Um Landschaft geht es auch in dieser Ausstellung, um gezeichnete Landschaft, um Werke, die in sechzig Jahren beharrender, künstlerischer Arbeit entstanden sind. Teubert bedient sich dabei diverser Techniken: Stahl- und Rohrfederzeichnungen sind zu sehen, Bleistift- und Kohlezeichnungen, dazu farbige Kreiden und Buntstiftblätter, ergänzt durch Mischtechniken, in denen Pastell, Graphitstift und Aquarell zusammenwirken.
Bereits der 12-jährige entdeckte im Luftschutzkeller in Zwickau die fein strichigen Feder- und Bleistiftzeichnungen des im Hause lebenden Kunstmalers Eduard Benseler und war von dem Gekritzel auf Anhieb fasziniert. Entgegen einer landläufigen Meinung, die der Zeichnung, zumal der Beschäftigung mit Landschaft, nur eine untergeordnete Rolle im Spektrum der Bildenden Kunst zuweist, blieb Teubert der Landschaftszeichnung über 60 Jahre treu. Er zitiert in diesem Zusammenhang gerne Max Liebermann, der da schrieb, er wisse, „…dass die zeichnenden Künste von Seiten des Publikums stiefmütterlich behandelt werden, obgleich sie ein besonderes Interesse beanspruchen dürften, weil der Stift williger den Intentionen des Künstlers folgt, so gibt die Zeichnung einen mehr unmittelbaren Einblick in sein Schaffen.“
Und, Teubert hat sich eine weitere Aussage Liebermanns zu eigen gemacht. Dieser schrieb: „Mehr noch in dem was er malt, zeigt sich der Künstler in dem was er nicht malt. Je näher die Hieroglyphe – und alle Kunst ist Hieroglyphe – dem sinnlichen Eindruck der Natur kommt, desto größere Phantasietätigkeit war erforderlich sie zu erfinden.“
Bei Teubert sind es Berge, Felder, durchziehende Wege, einzelne Feldmarken, Bäume etwa oder auch Häuser die als Impulsgeber aufgefasst werden, als Energiefelder, die das spätere Kunstwerk evozieren. Teubert reduziert all diese Formen auf wenige Chiffren und Zeichen, auf Hieroglyphen, um mit Max Liebermann zu sprechen. Immer klarer werden die Flächen und Formen, immer mehr wird überflüssiges Gepräge beiseite geschoben, damit der Blick frei wird auf das Zentrum von Landschaft, auf das ihr eigene Typische, losgelöst von Ort und Zeit. In der Landschaft findet er etwas vor, was ein Bild in ihm provoziert. Es geht ihm aber nicht darum dieses Bild ab zu gestalten, es abzubilden, sondern es geht darum, das innere Bild zu finden, in dem die wesentlichen Merkmale der vorgefundenen Situation enthalten sind. Dieses innere Bild gilt es sich zurecht zu machen, wie er immer wieder betont.
Damit aber ist er dem Mysterium von Landschaft auf der Spur, einer Umsetzung der äußeren Landschaft zur inneren Seelenlandschaft. Es geht also nicht um romantische Umformung, sondern vielmehr um Distanz, um deutliche, schroffe, radikale, mitunter auch ironische Behandlung des Vorgefundenen, um einen artifiziellen Umgang mit Landschaft. Nur wer die Distanz wahrt, wird sich die Neugier erhalten.
Schon auf den ältesten Blättern dieser Ausstellung, die noch während des Studiums an der Universität von Greifswald entstanden sind, kündigt sich diese Distanz an. Fein sauber sind die Striche mit der Rohrfeder gesetzt, etwa auf den Bildern von Wustrow oder den Bleistiftzeichnungen von 1959, die bereits stark reduziert daher kommen, mehr verschweigend als mitteilend.
Nachdem Teubert die DDR verlassen hatte, war es wieder die Landschaft, in der er sich geborgen fühlte. In seinem Gedicht „Angekommen“ spricht er davon:
Als ich / in mein neues Land / kam / blühte / der Raps /
Sein Gelb gefiel mir

Der Lyriker Teubert spricht hier aus, was der Zeichner schon immer zum Thema hatte. Wiederkehrende Bildsymbole wie Wind, Bäume oder auch die Farbe Gelb verweisen auf Beständigkeit im Wechsel. Sie waren schon immer da und werden immer bleiben, ganz egal wo unser Weg auch hingeht. Diese Bilder haben sich tief eingeprägt, sind Impulsgeber und Kraftfelder aus denen wir die Wahrheit erfahren über die Welt und auch über unsere Rolle in Ihr.
In der neuen Heimat sind es die Felder des benachbarten Bauern Blunk, die Teubert immer wieder zum Schaffen inspirieren. Streifige Linien, ansteigend oder abfallend ziehen ihre Bahn, schwarz und weiß, spärlich in ihrem Duktus oder auch in wildem, verwirrenden Ineinander von Linien und Flächen, dazu in dreifarbiger Überfülle. In allen Jahreszeiten werden sie beobachtet und im Inneren vermerkt, bis sie zum Ausdruck drängen, auch zum lyrischen:

Blunks Felder

Festhalten / am Dorf / An Scheune und Haus
Festgehalten / an Busch und Wald / Endend dort / Furche und Saat
Damit der / Raps und sein Gelb / nicht über den / Horizont / sich flüchten

Wir haben es gesagt: in seinen Wort-Bildern wie in seinen Bild-Bildern verdichten sich Erinnerungen, Gefühle und Gedanken zu kunstvollen Botschaften jenseits der kruden Wahrnehmung. Nicht um Mitteilung und Abbildung konkret geschauter Orte und gefühlter Wirklichkeiten geht es, sondern um deren immanente Wahrheit, um die Richtig- und Wichtigkeit der Atmosphäre des Augenblicks, als Anhauch der Ewigkeit, umweht vom „Schattenwind“ des Lebens, um einen Titel von Teuberts Gedichtsammlungen zu zitieren.
Die Ansicht der Landschaft und die tief innere Distanz dazu, die eine immerwährende Neugier möglich macht, das sind die Konstanten in Teuberts künstlerischem Schaffen. Er selbst gebraucht in diesem Sinnzusammenhang immer wieder gern ein Wort von Rainer Maria Rilke: „Wir sind gewohnt, mit Gestalten zu rechnen, und die Landschaft hat keine Gestalt, wir sind gewohnt, aus Bewegungen auf Willensakte zu schließen, und die Landschaft will nicht, wenn sie sich bewegt…“
Was Rilke so postuliert, ist die Autonomie von Landschaft. Um diese Autonomie kreist das Werk Teuberts und um das Gesicht der Landschaft, das immer wieder neu, immer wieder anders und dabei seltsam beharrend uns begegnet. Er selbst betont immer wieder: „Die Landschaft ist autonom. Der Betrachter soll sie für sich deuten. So bleibt sie erholsamer Geheimnisträger für die Phantasie und Mitbasis für menschliches Wohlbefinden.“

Japanische Kunst und Wohnkultur des frühen 20. Jahrhunderts

Japanisches Rauchgefäß
Räuchergefäß – Cloisonné (Emaillearbeit)

Sonntag, 13.4.2014
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Japanische Kunst und Wohnkultur des frühen Zwanzigsten Jahrhunderts
Aus den Sammlungen Bernhard Donati und Brigitte Sand
Dauer der Ausstellung bis 13.7.2014

 

Bereits zum zweiten Mal zeigt das Museum Rade japanisches Kunsthandwerk aus der Sammlung der Familie Donati, diesmal angereichert durch Exponate von Frau Brigitte Sand. Bernhard Donatis Liebe zur japanischen Kunst wurde durch seine Eltern geweckt, die seit 1923 für einige Jahre in Kamakura in der Nähe von Tokyo gelebt haben. Viele der Kostbarkeiten sind von ihnen nach Hause mitgebracht worden, weiteres wurde durch den Sohn im Laufe vieler Jahre hinzu erworben. Frau Sand war von 1975 bis 1982 im auswärtigen Schuldienst in Tokyo eingesetzt und kaufte damals, was ihr gefiel und was bis heute ihre Wohnung schmückt.

Man erinnert sich: Kunsthandwerk hat in Japan eine große Bedeutung; von der Lackkunst (Inro) im 12. Jahrhundert über Keramik und Porzellan bis zur Metallkunst am Schwert (Tsuba), den Holzschnitten und Elfenbeinschnitzereien (Netzukes und Okimonos) hauptsächlich des 19. Jahrhunderts. Durch die nahezu vollkommene Abschottung des Landes gegen die Außenwelt Mitte des 17. Jahrhunderts versiegte jeglicher Einfluss aus anderen Kulturen für mehr als 200 Jahre. Nur sehr langsam öffnete sich das Land wieder bis zum Jahr 1867, in welchem der letzte Shogun (Regierender Feldherr) gezwungen wurde, die Macht in die Hände des jungen Kaisers Mutsohito zurück zu geben.

Nach der Öffnung des Landes erschloss sich für das Kunsthanwerk Japans eine zusätzliche, bestimmende Richtung: Die Gestaltung interessanter, für den Export geeigneter Kunst- und Gebrauchsgegenstände, wie z.B. Möbel, Schmuck, Teegeschirre und kleine Salzstreuer etwa, aus Sterling-Silber gefertigt.

Die Ausstellung zeigt Exponate aus beiden Perioden. Neben farbigen Holzdrucken und Rollbildern (Kakemono), sind Abzüge von handcolorierten Diapositiven, etwa von 1905, zu sehen, der Zeit also des beginnenden Tourismus aus Europa. Auch kunstvoll gefertigte Möbelstücke beeindrucken, dazu Porzellane aus den Manufakturen Satsuma, Imari und Kutani, sowie Feuerschalen (Hibachi) und silberne Gebrauchsgegenstände. Besonderes Gewicht kommt dabei den Netsukes zu, kleinen geschnitzten Figuren, die als Bremsknopf zur Befestigung eines an zwei Schnüren hängenden Behältnisses am Gürtel (Obi) des taschenlosen Kimonos dienen. In solchen Behältnissen (Inro) werden Siegel, Tabak oder auch Medizin bewahrt. Die Tsubas schließlich sind aus Metall geformte und kunstvoll verzierte Stichblätter des traditionellen Samuraischwerts. All diese Exponate zeugen von der hohen Kunstfertigkeit japanischer Handwerker.

Farbe bekennen

Theilacker, Lucca
Hans Theilacker: Lucca, 2001

Sonntag, 23.2.2014
16 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Farbe bekennen
Malerei von Hans Theilacker
Dauer der Ausstellung bis 6.4.2014

Die Ausstellung mit Aquarellen von Hans Theilacker entführt uns Besucher in die großflächige Weite Norddeutschlands, mit dem niedrigen Himmel darüber, an die Meeresküsten, wolkenüberflaggt und an die Elbe, in den Hamburger Hafen zumal, ebenso wie in den überblauten Wonnesüden, nach Spanien und Italien, und sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf blühende Bukette und Blumenfelder. Eine schöne, eine heile, eine unversehrte Welt also, die uns in diesen Bildern entgegentritt? Ich denke ja – in jedem Fall eine Welt, in der natürliche Gegebenheiten als Wert an sich begriffen und bejaht werden. Hier wird nicht mit dem Pinsel karikiert, persifliert, zergliedert oder gar entstellt, sondern abgebildet – nicht im photographisch exakten Sinn einer Momentaufnahme – vielmehr im künstlerischen Sinn, das Ungeschaute nämlich sichtbar zu machen.

Der in Heidelberg geborene Grafiker und Maler lebt und arbeitet, will heißen: malt, seit 1975 in Oststeinbek am Stadtrand von Hamburg, ganz in unserer Nähe also. Schon während der Schulzeit wurde er zu engagiertem Malen angehalten. Sein Mentor Hermann Metz weihte ihn in den professionellen Umgang mit Farbe, Pinsel und Leinwand ein, so dass Hans Theilacker sich noch vor der Währungsreform für die Ausbildung zum Werbegrafiker entscheiden konnte. Über viele Jahre konnte er auf dem Gebiet der kreativen Werbung einen sehr erfolgreichen Weg gehen, den er schließlich als Kataloggestalter und Art Director beim größten deutschen Versandhausunternehmen abschloss. Überhaupt: Hans Theilacker gilt in Kennerkreisen als der Vater und Erfinder des Versandkatalogs.

Durch all die vielen Berufsjahre hindurch verlor er allerdings ein Ziel nicht aus den Augen: seiner Lieblingsbeschäftigung, der Malerei, uneingeschränkt nachgehen zu dürfen. Seit 1988 selbständig arbeitend, entwickelte er das Aquarell zu seiner bevorzugten Maltechnik. Sie gibt ihm die Möglichkeit, Farbintensität und Subtilität gleichermaßen auszudrücken und das oft in fließenden Farbübergängen.

Schon 1993 trat er mit einer ersten Ausstellung hier im Museum Rade hervor, die damals schon den Titel „Farbe bekennen“ trug. Weitere Werkschauen folgten hier und auch gegenüber im Schloss Reinbek.

Die Aquarelle dieser Ausstellung zeigen auch, dass Hans Theilacker ein weit gereister Mann ist, der immer einen Skizzenblock mit sich führt, um vor der Natur seine Eindrücke flüchtig aber gekonnt festzuhalten. Mit Kohle oder Filzstift gibt er der Skizze Halt und Umriss, mit Aquarellfarbe wird der unmittelbare Eindruck festgehalten und bereits überhöht. Nur für das Wichtige, das sinnlich Erregende ist da Platz auf dem Skizzenblock. Das ist bereits ein künstlerischer Vorgang, der Status nascendi des Kunstwerks, denn es handelt sich um Auswahl, um subjektive Wahrnehmung und Verarbeitung von Berührtheit und – im Fall von Hans Theilacker – um Widerspiegelung innerer Freude.

Nur solcherlei Skizze ist tauglich, im heimischen Atelier in Oststeinbek als Vorlage zu dienen, wenn es darum geht, das Motiv aufzugreifen und im Großformat auszuführen. Man kann gerade in dieser Ausstellung gut verfolgen, wie der Künstler über den Reisenden sich hinwegsetzt. Die Skizze ist oftmals näher an der Wirklichkeit; aber was kümmert das den Künstler? Um Spannung zu erzeugen und Ästhetik zu präludieren werden Farben geändert oder Linien, eine Halbinsel greift weiter ins Wasser als ursprünglich festgehalten, und die saubere Linie des Horizonts wird durch ein blakendes Segel zertrennt. Der Kompositorik fällt die Exaktheit zum Opfer.

Wo andere Maler auf den Erinnerungswert von Urlaubsfotos oder gar Postkarten vertrauen, um abmalend ihr Werk zu schaffen, nach zu schaffen, verlässt sich Hans Theilacker ganz auf sich selbst. Nicht ums Abbild ist es ihm zu tun, sondern ums Bild. Das Foto gibt Realität wider, oft sogar von fremder Hand eingefangen, das subjektiv erschaute und erschaffene Bild dagegen zeigt die Wahrheit eines Ortes, einer Landschaft als Stimmung und Atmosphäre. Diese sind immer bei der Kunst, selten nur bei der Wirklichkeit.

Nur was an Naturbeobachtung und Sinneseindruck in sein Inneres vordringt, ist wert Thema und Bildgegenstand der Malerei zu sein. So besteht für den Künstler auch folgerichtig die Wirkung seiner Kunstwerke auf die Beschauer in den     Emotionen, die sie auslösen. Es geht Hans Theilacker nicht darum, den festlichen Augenblick und außergewöhnliche Situationen in seiner Malerei festzuhalten. An die Stelle des Besonderen tritt das Wesentliche, Bleibende, Immerwährende – das Typische also.

Die uns umgebende Naturlandschaft ist also Gegenstand dieser Bilder, die kreatürliche Welt in ihrer Überzeitlichkeit. Der Mensch fehlt auf den Naturbildern, er ist nicht Gegenstand der Abbildung. Zum Gegenstand wird wird er aber zusätzlich in dieser Ausstellung. Sechs große Tableaus zeigen weibliche Antlitze in den verschiedensten Gemütslagen. Es ist ein mutiger Versuch, mittels wasserlöslicher Farben, das Gesicht des Menschen darzustellen. Auch hier geht es darum, Typisches an die Stelle des Individuellen zu setzen. Angst, Stolz, Verzagtheit, Bangigkeit, und Rückbesinnung oder nervöse Spannung sind solche Gemütszustände, die wir alle kennen und die uns aus den Physiognomien der Frauen und Mädchen entgegen schauen.

Wir haben es gesagt: Hans Theilacker hat für große Versandhäuser als Grafiker gearbeitet, als so genannter Gebrauchsgrafiker also und dabei niemals das Verlangen nach der freien, der ungebundenen Kunst aufgegeben. Besonders in der Landschaftsmalerei fand er das befreiende künstlerische Pendant zur angewandten kunsthandwerklichen Tagespraxis.

Das Arbeiten mit wasserlöslichen Farben ist sein wichtigstes künstlerisches Metier und Ausdrucksmittel. Ihm widmet er seine ganze Aufmerksamkeit und wird darüber nicht müde, zu experimentieren und zu probieren. Da fließen die Farben direkt ineinander – nass in nass gemalt – Verläufe, Verfliessungen, auch Übermalungen kommen vor wie auch die äußerst difizielen Weißaussparungen. Hierbei erweist sich die Meisterschaft im Handwerk. Jeder Pinselstrich muss auf Anhieb sitzen, sonst ist das Blatt verdorben, ein Neuanfang unumgänglich.

Die Farben Hans Theilackers erinnern an die des Expressionismus und führen wie damals ein Eigenleben, und es scheint mir nicht übertrieben zu sein, diesen Farben einen eigenen immanenten Gestaltwert zu zu erkennen. Die Form tritt manchmal dahinter zurück, ohne jedoch unwichtig zu werden. Scharfe Konturen fehlen meist und manchmal löst sich jede Form auf in eine Art Farbenspiel. Das lässt natürlich kein Erkennen im realen Sinn mehr zu, wohl aber eine dem Erkennen zugrunde liegende Substanz. Der Maler fordert uns hier Seh-Arbeit ab, und er konfrontiert uns mit der eigenen Phantasie – der unsrigen nämlich. Die Anschauungsformen der bildhaften Vorstellung, Form und in vorliegenden Fall noch mehr die Farbe, sind aus der objektiven Kontrolle, das heiß aus der Kontrolle am Objekt entlassen und beanspruchen in der Darstellung ihren unvorhergesehenen Rang. Diese vom allgemein verbindlichen Sehen befreiten Bestandteile vermag Hans Theilacker in eine neue Ordnung zu fügen, in eine Poetik der Farben und des malerischen Ausdrucks.

Kein Zweifel, die hier ausgestellten Bilder führen den Blick zurück auf das Konkrete in der Kunst. Vielleicht, dass der eine oder andere Beschauer beim Betrachten dieser Aquarelle etwas längst vergessen Geglaubtes in dieser Ausstellung wieder findet: Natur und Landschaft als Schönheit und Größe, dazu angetan, unser aller Leben zu bereichern. Hans Theilacker ist ein in die Malerei entlaufener Poet, ein Geschichtenerzähler und Fabulierer ohne Worte. In seinen Bildern erzählt er auf ungekünstelte aber eindringliche Art und Weise von den naturgegebenen Dingen des Seins und von der Freude über ihre Existenz. Dass sich etwas von dieser Freude auf Sie alle übertragen möge, wünsche ich Ihnen zum Beschluss. Feiern wir gemeinsam ein Fest der Farben und des Schauens, ein Fest des Lebens selbst.

Bernd M. Kraske

Tierisches aus aller Welt

Gaugin, Laufender Seehund
Paul René Gaugin: Laufender Seehund

Sonntag, 24.11.2013
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Tierisches aus aller Welt…
Zu Wasser, zu Lande und in der Luft
Kunstwerke aus dem Fundus des Museum Rade
Dauer der Ausstellung bis 16.2.2014

So heißt die neue Ausstellung im Museum Rade, die ganz und gar mit Exponaten aus der Sammlung des Museumsgründers Rolf Italiaander bestückt ist. Zusammengestellt hat die Ausstellung Gudrun Thiele, die wie keine zweite Person die Sammlung kennt und mit ihr lebt und die auch das Thema bestimmt hat. Es geht weitgehend um volkstümliche Kunst aus aller Welt. Bekannte und unbekannte Künstlerinnen und Künstler aus allen Weltgegenden sind vertreten, ganz getreu dem Credo des Gründers Italiaander, dem die Kunst ein Mittel der Völkerverständigung war und der darin mehr sah, als nur den schönen Schein des Kunstwerks. Es selbst war ihm Teil einer nonverbale Sprache, die alle Menschen verstehen können. Wer aber miteinander kommunizieren kann, bleibt sich nicht mehr fremd. Und es geht darum, dass alle Kunstwerke für den Betrachter lesbar sind. Man braucht kein Spezialwissen, keine Schulung des Intellekts und schon gar keine Ästhetiktheorie bemühen, um sich in der aufgebauten Bilderwelt zurecht zu finden.
Die beinahe sechzig Exponate spiegeln die Welt der Tiere, ihre natürliche Lebensweise ebenso wie diejenige als Partner des Menschen. Seit alters her sind in der Bildenden Kunst Tierdarstellungen überliefert. So stehen schon die Felsbilder der Altsteinzeit ganz im Bann des Tieres, der Rinder und Pferde zumal, aber auch anderer Vierbeiner wie Mammut und Wollstier etwa, die längst ausgestorben sind, und von deren Existenz wir nur noch durch ihre frühen Darstellungen wissen. Durch die Jahrhunderte dann wandelte sich diese Darstellungsweise vom reinen Abbild zum überhöhenden Symbol. Tiere wurden in der Darstellung zu Wappentieren, standen für Stärke und Majestät wie der Löwe, für Schläue und Gerissenheit wie der Fuchs, für Frieden etwa wie die Taube. Noch heute sind diese Symbole gebräuchlich, begegnen auf Fahnen, Orden und ähnlichen Emblemen.
In dieser Ausstellung geht es einzig und allein um Tiere als Wegbegleiter des Menschen, um ihre ästhetische Erscheinung und die Freude über ihre Existenz. Wir haben es gesagt: es sind vor allem volkstümlich sich gebende Darstellungen, häufig von Laien gemalt, von Sonntagsmalern, die in naiver Manier und Lust am schönen Tun zu Werke gegangen sind. Bilder aus allen Erdteilen finden sich hier versammelt, unbekümmert meist im Umgang mit Proportion und Perspektive, verliebt einzig ins Motiv und ohne Anspruch auf einen wie auch immer gearteten Kunstwert. Gerade das Absehen von alledem lässt die Tierbilder dieser Ausstellung so fröhlich daher kommen, oft voller übermütiger Farbigkeit und expressiver Formensprache.
Da begegnen lila Elefanten und rote Kühe, da schlängeln sich grellbunte afrikanische Schlangen dekorativ durchs Bild, da wird ein übergroßer Fisch stolz von mehreren Männern getragen, da blickt uns eine Steinkuh geradezu verliebt entgegen und schürzt ihre rosigen Lippen, als wolle sie Küsse verteilen. Vielleicht gelten sie ja ihren Schwestern auf dem japanischen Holzschnitt, die als Herde in ihrem mosaikartigen Gewimmel unsere Aufmerksamkeit sofort beanspruchen wie auch das daneben hängenden Tableau mit den Fischerbooten und dem Gewirr der Vögel darüber.
Manch eine der Tierfiguren kommt uns rätselhaft vor ob ihres mythologischen Charakters, der auf altindische oder buddhistische Märchen und Mythen verweist. Wenn wir sie auch nicht immer genau deuten können, so freuen wir uns doch über ihre phantasievollen, immanenten Botschaften, die auf etwas verweisen, weit zurück oder vielleicht doch weit voraus in der Zeit? Wer weiß?
Aber auch bekannte und anerkannte Meister der Bildenden Kunst sind in dieser Ausstellung vertreten. Europa und der Stier verweist uns ins Reich antiker Bilder und Vorstellungen, Tauben und Kühe von den Hamburgern Hagedorn und Kluth sind ebenso vertreten wie Pferd und Reiter von Edwin Scharff, der auch und gerade in Hamburg seine Spuren hinterlassen hat. Diese Künstler waren alle mit Rolf Italiaander bekannt, mitunter befreundet, und so haben ihre Kunstwerke bei uns Einzug halten können. Dazu zählt natürlich auch der Enkel des Südseemalers Gauguin, Paul René Gauguin, der gleich mit fünf geradezu übermütig wirkenden Holzschnitten vertreten ist, wie dem des laufenden Seehunds auf dem Titelbild der Einladung zu unserer Ausstellung. Noch übermütiger, geradezu frech und auch ein wenig obszön treibt es der Berliner Friedrich Schröder-Sonnenstern mit seiner „ Pussy, der mondmoralischen Märchenwundersau vom Kurfürstendamm“. Und auch Bele Bachems „Winterschlaf“ nimmt es nicht genau mit den Formen der Natur, sondern verbindet Mensch und Tier zu einem turbulenten Mit- und Ineinander. Hier wie da wird ein dionysisches Fest aufgeführt, fern aller Logik und Moral aber von großem ästhetischen Reiz.
Nimmt man alles in allem, so bestaunen wir eine losgelöste Kunstwelt, in der das Tier um seiner selbst willen erscheint, als kreatürliche Existenz, frei und unabhängig vom Menschen, allenfalls als sein Freund, Gehilfe und Partner. Es ist die Freude am Leben selbst, die auf den Kunstwerken der Ausstellung begegnet, getreu dem Italiaander´schen Motto: „Die Welt ist schöner als Du denkst.“

Museum Rade am Schloss Reinbek
24. November 2013

Bernd M. Kraske

Nidden – Landschaft

NiddenSonntag, 25.8.2013
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Nidden‹ – Landschaft der Sehnsucht
Aus der Sammlung Dr. Bernd Schimpke
Dauer der Ausstellung bis 10.11.2013

Im Jahr 1928 machte sich der erst 15jährige Leipziger Schüler Rolf Italiaander auf nach Pillkoppen auf die Kurische Nehrung, um dort segelfliegen zu lernen. In einem Buch, das im renommierten Zürcher Verlag von Orell Füssli 1931 erschien, berichtete er über seine Zeit auf der Nehrung. Über Nacht wurde er als „Jüngster Segelflieger“ bekannt; und diesem ersten Buch sollten beinahe unzählig weitere folgen. Der Gründer dieses Museums war also zu der Zeit im litauisch-deutschen Memelgebiet unterwegs, als im Fischerdorf Nidden sich Maler aus den nordostdeutschen Metropolen ein Stelldichein gaben.

Damals wie heute war und ist das Fischer-, Wald-, Dünen- und Feriendorf Nidden hübsch anzusehen. Die alten Fischerhäuser besonders, blaue, braune, rote und gelbe Häuschen aus Naturstein und Holz, Gras bewachsen die Dächer mit den verzierten Giebeln und den kurisch-blauen Windbrettern, zwischen denen Obstbäume, Phlox, Malven und Dahlien üppig hervorschauen; diese Baulichkeiten evozieren ein Gefühl von Menschenmaß, von Stolz und Freude über die Einfachheit des Lebens in einer ehrfürchtig bejahten Natur, die mit dem Menschen im Einklang ist, auch da noch, wo sie ihr wetterhartes Gesicht zeigt und das Leben der Fischer zumal mitunter aufs Spiel setzt.

Mann kann gut nachvollziehen, dass in den 1890er Jahren Künstler des nahe gelegenen Königsberg aber auch Maler der Berliner und Dresdner Sezession vor allem Nidden zum Worpswede des Ostens werden ließen. Die Künstlerkolonie, das große Freiluftatelier, versammelte Künstlervater Hermann Blode in seinem, bis heute existierenden, Gasthof um sich. Namen, die heute Weltklang genießen waren darunter: Max Pechstein etwa oder Karl Schmidt-Rottluff, Lovis Corinth und, nicht zu vergessen, Ernst Mollenhauer, der Blodes Schwiegersohn wurde. Sie alle malten die Motive, die sie auf der Nehrung fanden: die Ostseeküste und die des Haffs, die Kurenkähne mit den typischen Kurenwimpeln, die Fischerhäuser und die Kurengräber mit den grünlich verwitterten Totenbrettern, die Holzkreuze mit den heidnischen Motiven und den alten deutschen Inschriften, umleuchtet von Bauernnelken und Vergissmeinnicht.

Die Künstlerkolonie versprach authentische Formen und Erfahrungen vom Leben selbst, eines einfachen, noch nicht entfremdeten Daseins jenseits der künstlichen Paradiese der Großstädte. Was die Maler suchten war die Reinheit und Unverfälschtheit der Natur, ihre Ursprünglichkeit. Vor ihrer Staffelei an der Hafenmole oder hoch oben auf der Düne sitzend, feierten sie ihre täglichen Lebens- und Kunstfeste, die sich abends im Gasthaus Blode auf der fein gedeckten Veranda, beim heimeligen Schein der Petroleumlämpchen, so sorglos fortführen ließen. Es waren das Licht und die von ihm aufbereiteten Farben, welche die deutschen Expressionisten zumal auf die Nehrung zogen: das strahlende Himmelsblau ebenso wie die Dunkeltöne des Haffs in ihren unendlichen Nuancen. Eine ganze Palette von Blautönen bot sich an, Kornblumen-, Kobalt- und Ultramarinblau. Verschwenderisch dargeboten vom Wolken überflaggten Firmament und der weit gespannten Wasserfläche zu beiden Seiten des nur schmalen Sandstreifens.

Aber es waren nicht nur bildende Künstler, die sich von der Einmaligkeit der Nehrung angezogen fühlten. Auch der Repräsentant der deutschen Literatur, Thomas Mann, ließ sich auf dem Niddener Schwiegermutterberg ein Haus errichten, in welchem er zwischen 1930 und 1932 die Sommermonate mit den Seinen verbrachte. Vieles an Landschaftsbeschreibung in seinem großen Romangemälde „Joseph und seine Brüder“ ist der Nehrung bei Nidden entlehnt.

Nachbar auf dem Schwiegermutterberg, mit seiner großartigen Aussicht auf das Haff und den malerischen Flecken Purwin, war Carl Knauf, ein aus dem Rheinland stammender Maler, der bis zu seinem frühen Tod 1944 in Nidden wohnhaft war. Mehr als jeder andere  Künstler der Niddener Kolonie hat er dort gemalt, hat er Landschaft und Menschen festgehalten und Zeugnis abgelegt von der Schönheit und Einzigartigkeit des schmalen Sandstreifens zwischen Ostsee und Haff.

Der Hamburger Kaufmann und Sammler Dr. Bernd Schimpke, in dessen umfangreicher Privatsammlung die hier zu sehende Ausstellung lediglich einen kleinen Einblick bietet, ist wie so viele andere Besucher auch der Faszination Niddens erlegen, hat sich dort ein Haus gebaut mit einer Galerie der Niddener Künstler von ehedem.

Obgleich die Nehrung für ihn eine Sehnsuchtslandschaft ist, noch immer ist, übersieht er nicht deren schnell sich vollziehenden Wandel. Vieles was in dieser Ausstellung zu sehen ist, existiert so nicht mehr, ist im Verschwinden begriffen, von der wirkenden Zeit überholt und manches auf dem Altar des modernen Tourismus geopfert worden. Die auf den Bildern so eindrücklich begegnenden Kurenkähne gibt es nicht mehr; haben Dutzenden schmucker Jachten im kleinen Hafen Platz gemacht, ein einziger originaler Nachbau segelt noch auf dem Haff und gibt einen Eindruck vom Handwerk der Fischer, das in dieser Ausstellung auch immer wieder Bildgegenstand ist.

Auch die Hohe Düne, ebenfalls ein Hauptmotiv, strahlend gelb und silbrig ist in großen Teilen bewachsen und übergrünt und hat ihren mythischen  Charakter als Saharalandschaft Europas weitgehend verloren. Die Fischerhäuschen aber existieren weiter und erhalten Nidden seine bauliche Besonderheit, auch wenn heute darin kaum mehr Fischer anzutreffen sind. Die Enkel derjenigen, die auf dem kleinen deutschen Friedhof von Nidden ihre letzte und endgültige Ruhe gefunden haben, sind längst im Gast- und Tourismusgewerbe tätig oder nach 1945 oder deren Urenkel nach 1990 außer Landes gegangen.

Das Nidden, dass die Künstler von weit her an sich zog existiert nur noch in ihren Werken. 38 davon können wir heut präsentieren, Bilder von einer Frau und 18 männlichen Kollegen. Viele dieser Namen sind uns längst nicht mehr geläufig, allenfalls Wilhelm Eisenblätter oder auch Max Pechstein sind uns noch vertraut. Über die anderen scheint die Zeit hinweggegangen zu sein. Es ist daher Dr. Schimpke in hohem Maße zu danken, dass er das Andenken an die Niddener Künstlerkolonie mit seiner Sammlung und seinem wunderbaren Bildband wach hält.

Immer geht es dabei um die Widergabe von Landschaft, um die Arbeit der Fischer auf dem Haff und die Ansichten der Dörfer Nidden, Purwin und des Memeldeltas. Dabei sind die meisten Bilder jenseits von Idylle und heiler Welt angesiedelt. Viel mehr zeigen sie das wechselnde Gesicht des Haffs und immer wieder die groben, flachbodigen Kähne, mit denen die Fischer das Haff befuhren, ohne die Gewähr des Heimkommens.

Es war ein hartes Leben auf dem Wassern, einzig und allein auf Fischfang gerichtet, ein kärgliches Dasein zwar, aber ein Dasein in einer Lichtlandschaft, die zum Elementarsten gehört, in der sich Wasser, Sand, Himmel und Wald zu einer Einheit verbinden und noch dem eingefleischtesten Bewohner der Metropolen eine Ahnung geben vom Ewigkeitsschauer allen Seins.

Und so bietet diese Ausstellung uns nichts weniger als ein Stück eingerahmter Zeit, in der die Kurische Nehrung noch eine historische und ästhetische Einheit war, „primitiv und pittoresk“ wie Klaus Mann einmal schrieb, oder um es anders auszudrücken, einfach und bildersatt. Kein empfindsamer Mensch, kein Künstler zumal, konnte und kann sich dieses Eindrucks erwehren, über den schon Wilhelm von Humboldt schrieb: „Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll.“

Von diesem sehnsüchtig erfahrenen  Seelenzauber erzählen die Bilder dieser Ausstellung. Freuen wir uns mit den Künstlern von einst über die Größe und Schönheit von Natur und Landschaft und teilen wir mit ihnen den Respekt vor der Härte und Einfachheit des Lebens der Menschen zwischen den Wassern.

Museum Rade am Schloß Reinbek, 25. August 2013
Bernd M. Kraske

Lebendige Ketten

Kouadio, KettenSonntag, 16.6.2013
16 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
›Lebendige Ketten‹
Fotografien des Ivorers Jerôme Kouadio
Dauer der Ausstellung bis 18.8.2013

Die Ausstellung des von der Côte-d´Ivoire stammenden Fotokünstlers Jérôme Kouadio führt uns direkt ins Herz, mehr noch, in die Seele Afrikas. Er zeigt uns die Menschen seiner Heimat, Frauen und Kinder zumal, und er zeigt sie in ihrem Alltag. Und er zeigt nur Frauen und Kinder. Männer sucht man auf seinen Fotografien vergeblich. Sie, die Männer, sind für Jérôme Kouadio die Mitverantwortlichen für die Misere Afrikas, für Armut, zivilisatorische Rückständigkeit, für immer noch grassierenden Analphabetismus, für Korruption, für Seuchen, für Aids und immer wieder aufbrechende Kriege zwischen den Ethnien.

Dabei ist Afrika doch ein so reicher Kontinent: reich an Menschen und Kulturen, reich an Flora und Fauna, reich an Bodenschätzen, eine ursprüngliche, gesegnete Erde, welche die Kolonialisten, alte wie neue, sich zur Ausbeutung aufgeteilt haben.

Jérôme Kouadio stellt Fragen, wo Andere schweigen oder sich in den Alltagssorgen eingenistet haben. Und diese Fragen sind ein gewichtiger Teil dieser Ausstellung. Warum leidet Afrika noch 50 Jahre nach dem Ende der Kolonialherrschaft an deren Nachwirkungen? Warum kann es sich noch immer nicht aus den Ketten der Fremdbestimmtheit befreien? Fragen über Fragen, aber kaum gültige Antworten.

Wie fest diese Ketten noch immer geschmiedet sind führt uns der Fotograf vor. Die Kette als Symbol der Knechtung und Unfreiheit durchzieht die Ausstellung wie ein roter Faden und hat ihr ja auch schließlich den Titel gegeben. Dass diese Ketten  noch immer fesseln, dass sie noch immer lebendig sind, das lässt sich nicht zuletzt an den Physiognomien der Frauenbilder ablesen.

Afrikas Frauen blicken uns freundlich lächelnd an bei ihrer Alltagsarbeit, durchaus mit Stolz im Gesicht, aber auch mit einem Anflug von nachdenklichem Ernst, mitunter sogar mit einem Schuss Traurigkeit. Sie wissen um ihr Los, das sie nicht verschuldet haben, in dessen Ketten sie aber aushalten müssen. Wie aber es ändern? Im Besinnen auf sich selbst, auf ihre Kultur, im großen Miteinander der Frauen zeigt sich aber auch das freundliche Gesicht Afrikas, das aber auf dem daneben hängenden Foto vom Müll- und Schuttplatz abgelöst wird und in eine ratlose Wirklichkeit mündet.

Von Anmut, Stolz und Fleiß, gepaart mit dem Wissen um die eigenen Fähigkeiten aber auch von der Desillusion, das Joch der Ketten bald brechen zu können: von alldem sprechen die Frauenbilder in dieser Ausstellung.

Gleich beim Eintreten in diese Ausstellung werden wir mit dem Doppelportrait eines jungen Mädchens konfrontiert. Halb Kind noch und schon halb Frau schaut es mit großen fragenden Augen in die Welt. Das Mädchen ist taubstumm und kann daher auch nicht sprechen. Was bei uns  leicht möglich wäre, durch spezielle Therapien sprechen zu lernen, aktiv am Leben teilzunehmen, das bleibt ihr zu Hause verwehrt. Auch sie bindet die Kette der Armut und der Ausweglosigkeit. Tief aus dem Spiegel ihrer großen betörenden Augen spricht die Tristesse ihrer Existenz, ein Symbol geradezu für die Befindlichkeit ihres großen Kontinents Afrika.

Noch unbeirrt von der Lebenswirklichkeit dagegen zeigen sich die Kinder. Sie lachen und spielen noch ganz unbeschwert wie alle Kinder dieser Welt, auch selbst dort, wo sie mit anpacken müssen, arbeiten müssen, geschieht das spielerisch und voller Freude. Sie spüren die Ketten noch nicht, die ihre Eltern fesseln. Unsere Aufgabe ist es auch, dafür mit zu sorgen, dass ihre Zukunft sich frei und unabhängig gestaltet. Aus den Fesseln der Knechtschaft müssen Ketten von freien und souveränen Menschen werden, unterschiedlich nach Herkommen und Hautfarbe, aber einig in ihrer Aufgabe, diese Welt human zu gestalten. Der Weg dahin scheint weit, aber bereits im Aufbruch liegt das Ziel.

Jérôme Kouadio, der schon 1994 zu uns nach Deutschland gekommen ist und in Hamburg eine Fotografenausbildung durchlaufen hat, glaubt fest daran, dieses Ziel zu erreichen. Er ist nicht nur ein Idealist, sondern weit mehr noch ein Moralist, einer, der in den Gang der Welt eingreifen möchte, der bessern, zumindest aber lindern möchte. Ihm geht es darum, den Frauen Afrikas gerecht zu werden, darum , dass ihre führende Rolle für das Wohlbefinden der afrikanischen Gesellschaften endlich gesehen, akzeptiert und gewürdigt wird. Und es geht ihm darum, Kindern eine vernünftige Ausbildung zu geben, als festem Baustein für eine glückliche und prosperierende Zukunft seines Heimatkontinents Afrika. Das ist alles andere als modern und zeitgemäß, bei Lichte besehen, ist es gar dem Zeitgeist entgegengesetzt. Seine Fragen rütteln am Gewissen jedes Einzelnen, das ist unbequem und der Spaßgesellschaft abhold. Vergessen wir aber bitte nicht, dass unser aller Wohlergehen und unser aller Sicherheit vom noch schlummernden Riesen Afrika zukünftig mitbestimmt werden wird.

Die Ausstellung von Jérôme Kouadio lädt uns ein, über all das nachzudenken und mit wachen Augen auf den schwarzen Kontinent zu blicken. Den dortigen Menschen mit Achtung und Sympathie zu begegnen ist das wenigste was wir tun können. Der Künstler hat seine Arbeit getan, folgen wir seinem Beispiel und werben wir für die Menschen in Afrika.

Museum Rade am Schloß Reinbek, den 16. Juni 2013
Bernd M. Kraske