Die Welt des Rolf Italiaander

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Vortrag aus Anlass seines 100. Geburtstags

von
Bernd M. Kraske

Über Werk und Wirken von Rolf Italiaander auch nur annähernd umfassend Auskunft zu geben ist schier unmöglich. Schon der Versuch ist zum Scheitern verurteilt. Welchen Rolf Italiaander soll man vorstellen? Den Völkerkundler etwa, mit seinen viel beachteten und auflagestarken Büchern über Schwarzafrika, Asien und Lateinamerika, oder den Biographen, dessen Lebensbilder sich zu umfassenden Kultur- und Zeitgeschichten ausweiten? Oder sprechen wir besser vom Gründer Italiaander, dessen unermüdlichem drängenden Einsatz eine Reihe kultureller und kulturpolitischer Einrichtungen ihr Dasein verdanken, ob es die „Freie Akademie der Künste“ in Hamburg ist, der „Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke“ oder das „Museum Rade“ zunächst im Naturpark Oberalster und nun seit 25 Jahren hier, gegenüber von Schloß Reinbek, um nur die wichtigsten zu nennen?

Vom Museumsgründer ist es nur ein kleiner Schritt zum Kunstsammler und Kunstinitiatoren Italiaander, nicht zu vergessen, den Herausgeber literarischer Anthologien und Briefwechsel, den Übersetzer, Lyriker und Kinderbuchautor. Der Lehrer und Erzieher muss genannt werden, auch der Protagonist der europäischen Zusammenarbeit und weltweite Förderer der ökumenischen Bewegung. Man könnte fortfahren so aufzuzählen und käme doch nicht ans Ende.

„Die Welt des Rolf Italiaander“ – so der Titel einer Festschrift von Prof. Dr. Paul Friede zu seinem 60. Geburtstag – ist die uns alle umgebende Welt, sind ihre Menschen, Tiere und Pflanzen, ist alles belebte und unbelebte Sein. Ihnen allen galten sein Interesse und seine Aufmerksamkeit, aber auch seine Ängste und Sorgen; immer freilich seine ungeteilte Zuneigung und Liebe. Es ist die von Thomas Mann beschworene „Allsympathie“, das Wissen um Anfang und Ende alles Seins, das Italiaander auszeichnete; eine zugleich stoische und demütige Haltung. Seine Bücher und Schriften sind nicht kalt komponierte Kunstwerke, sondern immer – auch da, wo sie ins Abseits führen – Standortbestimmungen des Herzens. Er wollte eingreifen in den Gang dieser Welt, wollte lindern und helfen, wollte dass sich Goethes Satz erfülle: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Dafür stritt Rolf Italiaander an vielen Fronten. Wer solches tut, hat nicht nur Freunde.

Er war und blieb Zeit seines Lebens ein Einzelkämpfer, ein Idealist, blauäugig mitunter, ein großer Naiver und Pathetiker. Mit seiner Gradlinigkeit und schnörkellosen Offenheit eckte er des Öfteren an. Er nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es galt öffentlich Stellung zu nehmen, und es drängte ihn geradezu dazu seine Meinung zu sagen, ob gefragt oder nicht. Lieber einen Tritt ins Fettnäpfchen der Political Correctness, als laues Wohlverhalten den Mächtigen gegenüber.

Als Gymnasiast schon an Heinrich Mann geschult, konstatierte Italiaander einen Gegensatz von Geist und Macht. Ihn galt es aufzuheben, dafür lohnte es sich zu arbeiten, zu kämpfen, und zum Kampf fand er immer wieder Gelegenheit: gegen Rassismus und ideologische Bevormundung, gegen religiösen wie politischen Alleinseligmachungs-anspruch.

Dabei war ihm solcherlei Haltung nicht an der Wiege gesungen worden. Das Leipziger Elternhaus, in das er am 20. Februar 1913 geboren wurde, war ein gut bürgerliches. Man war zwar den Künsten gegenüber aufgeschlossen, dass aber jemand aus der Familie einen entsprechenden Beruf ergreifen könne, war allerdings nicht zu erwarten. Die Familie hatte einen niederländischen Pass, ohne allerdings niederländischen Ursprungs zu sein. Die Italiaanders waren sephardische Juden, sesshaft seit langer Zeit in den holländischen Metropolen, Händler und Diamantschleifer, die im 19. Jahrhundert den Großvater Rolf Italiaanders adoptiert hatten. So war er zu deren Namen gekommen und zu einem niederländischen Pass, der ihn als niederländischen Staatsbürger bis zu letzt auswies. Das Leipziger Elternhaus war christlich protestantisch, obwohl der Name auf jüdische Abkunft hinwies. Der Wahn des Nationalsozialismus sollte der Familie auf Grund dieses Namens später zu schaffen machen.

Der junge Mann in Leipzig interessierte sich schon sehr früh für Literatur und mehr noch für die Fliegerei, eine Leidenschaft, die bis ins hohe Alter andauerte. Die Luftfahrttechnik, der Zeppelin besonders begeisterten ihn, und es war schon früh sein Wunsch fliegen zu können. In den Sommerferien des Jahres 1928 meldete sich der erst 15jährige zu einem Segelflugkurs in Rositten auf der Kurischen Nehrung an. Da man dafür mindestens 16 Jahre alt sein musste, korrigierte Italiaander flugs sein Geburtsdatum und wurde in Rositten angenommen. Quasi über Nacht war er als „jüngster Segelflieger der Welt“ bekannt geworden, sein Konterfei ging durch die deutschen Gazetten. Was lag also näher, als das begeisternde Abenteuer in einem Erlebnisbuch zu verarbeiten?

Es war für Rolf Italiaander typisch, dass er an seinen persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen die Öffentlichkeit Anteil nehmen lassen wollte und ließ. Er vertraute darauf, dass persönliches Erleben allgemeines Interesse findet, dass allgemeines Bewusstsein nicht ohne individuelle Erfahrung auskommt. Damit aber Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnisse des Einzelnen im Zusammenleben der Vielen wirksam werden können, bedarf es prononciert zugespitzter Persönlichkeiten als Vermittler dieser individuellen Wahrheiten. Niemand anderer aber als der Schriftsteller ist klassischerweise dazu berufen, diese Rolle zu spielen, mit dem Wort zu wirken und Zeugnis abzulegen, damit erkannte Wahrheit und gelebte Wirklichkeit nicht länger voneinander getrennt existieren müssen. Dieser grundlegende pädagogische Anspruch war Grundabsicht und Antrieb für den Schriftsteller Italiaander. Sie waren der Motor seiner Unermüdlichkeit. Ihm ging es darum aufzuklären, Menschen einander näher zu bringen, sie zu versöhnen. Gern zitierte er in diesem Zusammenhang eine Gedichtzeile des von ihm so hochgeschätzten Rabindranath Tagore, die unserer Ausstellung über Rolf Italiaander denn auch zum Motto dient: „Geh hin zu den Menschen, lebe unter ihnen, lerne von ihnen, liebe sie.“

Sein erstes Buch „So lernte ich Segelfliegen“ war 1931 im bekannten Deutsch-Schweizer Verlag von Orell Füssli erschienen und reizte keinen Geringeren als den scharfzüngigen Literaten Kurt Tucholsky zu einer überaus wohlwollenden Besprechung. Geschrieben hatte Italiaander dieses erste Buch im Hause des Prager Schriftstellers Willy Haas, den er durch ein Zeitungsinserat kennen gelernt hatte. Haas hatte einen Studenten gesucht, der seine umfängliche Berliner Bibliothek ordnen sollte, Italiaander hatte sich angeboten und den Zuschlag erhalten. Im Hause von Willy Haas also hatte er auch sein erstes Buch, das Segelfliegerbuch, geschrieben, und in diesem Hause hatte er auch die Größen des üppigen Kulturlebens der Weimarer Republik, der Roaring Twenties, persönlich kennen gelernt. Freundschaften entwickelten sich zu manchen von ihnen, immer aber entstanden dabei fruchtbare Kontakte, die im eigenen schriftstellerischen Werk produktiv wurden.

Es gehört zu den Konstanten in Italiaanders Leben, dass er einmal geknüpfte Freundschaften ein Leben lang pflegte und belebte. So war es durchaus kein Zufall, dass Willy Haas nach dem Krieg in Britischer Uniform nach Hamburg kam, um unter anderem die Erste Tageszeitung der Britischen Besatzungszone „Die Welt“ mitzubegründen, für deren Feuilleton „Die geistige Welt“ er bis zu seinem Tode als „Caliban“ seine Kolumnen schrieb.

In seinen Erinnerungen „Die literarische Welt“ schrieb Willy Haas über den Freund aus frühen Tagen:

„Als ersten Bekannten von früher her traf ich meinen alten jungen Freund, den Schriftsteller Rolf Italiaander. Seine Treue, Anhänglichkeit und Hilfsbereitschaft war dieselbe geblieben, – ich will hier sagen und bezeugen, dass ich auch seit 1947 viele Beweise dieser spontanen guten Gefühle bekommen habe, die ihn immer wieder zu irgendeinem Schritt oder einem Akt der Freundlichkeit trieben, der mir zugute kommen sollte und auch wirklich zugute kam.“

Ein solcher Akt der Freundlichkeit war sicherlich Italiaanders Votum zugunsten der Aufnahme Willy Haas´ in die Freie Akademie der Künste in Hamburg. Zusammen mit seinem Freund Hans Henny Jahnn hatte Italiaander die Hamburger Akademie nach dem Krieg ins Leben gerufen. Jahnn war ihr erster Präsident, Italiaander ihr erster Generalsekretär, ein Amt, das er 21 Jahre hindurch ausfüllte. Er redigierte nicht nur die alljährlich erscheinenden Akademie-Jahrbücher, sondern gab im Namen der Akademie mehrere Publikationen heraus, so z.B. auch die Faksimile-Ausgabe der von Willy Haas im Prag der Vorkriegszeit herausgegebenen „Herder-Blätter“ aus Anlass des 70. Geburtstages von  Haas, eine heute noch gesuchte bibliophile Kostbarkeit. Vorübergehend wohnten beide Schriftsteller quasi Tür an Tür in der Hamburger Heilwigstraße.

Seit sich Italiaander im Nachkriegshamburg niedergelassen hatte, hatte er sich der kulturellen Fortentwicklung seiner Wahlheimat gewidmet. Der Gründung der Freien Akademie folgte 1950 die Gründung der ersten Lesebühne zur Förderung junger deutscher Dramatiker an Ida Ehres Hamburger Kammerspielen. 1951 wurde auf Italiaanders Initiative die erste Buchwoche in Hamburg organisiert, die im Jahr darauf wiederholt wurde und die nachfolgend, auch außerhalb der Hansestadt, oft kopiert wurde. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Universitäts- und Staatsbibliothek gab Italiaander die Reihe „Hamburger Bibliographien“ heraus, 24 Bände, u.a. über Hans Leip, Alfred Kantorowicz, Nelly Sachs, Alan Paton, Alfred Lichtwark, Wolfgand Borchert, um nur diese zu nennen.

Wie gesagt, es war ein Jugendbuch über Segelfliegerei, mit dem Italiaander seine Laufbahn als Schriftsteller begann. Der renommierte Leipziger Reclam-Verlag bestellte für seine nicht minder berühmte Universal-Bibliothek zwei Arbeiten zur Geschichte der Segelfliegerei und über Erlebnisse beim Segelflug. Der jugendliche Schreiber wurde zunehmend zum Fachautor in Sachen Luftfahrt, ein Thema, dem er bis ins Alter treu bleiben sollte.

Monographisches und Anthologisches über die Flieger Hans Grade, Wolf Hirth und Elly Beinhorn findet sich da, ebenso wie groß angelegte Biographien über Italo Balbo, den Grafen Zeppelin oder über Hugo Eckener, den berühmten deutschen Luftschiffkonstrukteur und –kapitän, mit dem ihn eine intensive Freundschaft verband. Der anfänglichen ikarischen Begeisterung für das neue Medium Flugzeug, folgte zunehmend das Interesse an den Menschen, die über Wert oder Unwert dieser zivilisatorisch-technischen Neuerung entschieden. Schließlich wurde Italiaander zum Kritiker der Technik und Warner vor deren Missbrauch.

In seinem zur NS-Zeit verbotenen Drama „Spiel mit dem Rekord“, das dann 1947 uraufgeführt wurde, schildert er, wie ein tüchtiger Pilot einen Rekordversuch aufgibt, um einem verunglückten Flieger zu helfen. So faszinierend das neue technische Medium für ihn auch immer war, Italiaander hat es nie losgelöst vom Menschen betrachtet und bewertet.

Die Zeit des Nationalsozialismus hat in Italiaanders Biographie tiefe Spuren hinterlassen. Als Hitler an die Macht kam, war er gerade 20 Jahre alt. Sein Name deutete dazu auf jüdische Abstammung, und sein Umgang etwa mit den späteren Widerstandskämpfern und Gegnern des Regimes wie etwa Albrecht Haushofer, Ulrich von Hassel oder Carl Friedrich Goerdeler wurde von den Nazis misstrauisch beäugt. Und: Italiaander war nicht eben zum Helden geboren. Er wollte nicht hineingezogen werden in die Alltagspolitik, sondern weiterhin ungestört seiner Tagesbeschäftigung als Schriftsteller nachgehen. Freunde rieten ihm, doch weiterhin über die Luftfahrt zu schreiben, so der Fliegergeneral Udet (später in der Figur des Teufels General in Carl Zuckmayers gleichnamigen Schauspiel auf der Bühne bekannt geworden), besonders Bücher über Lufthelden des Ersten Weltkriegs. Das läge gewiss auf der Linie der neuen Machthaber. So entstanden in den 30er Jahren Werke wie „Manfred von Richthofen, der beste Jagdflieger des großen Krieges“ oder auch „Asse“, ein Buch auch über die alliierten Lufthelden. Die Rechnung ging nicht auf. Diese  Bücher wurden meist verboten und eingestampft. Andere Titel wie etwa „Der junge Nettelbeck“ oder „Götz von Berlichingen“ wurden nach dem Krieg von Italiaanders Kritikern gern als nationalistisch typisiert, entsprachen aber bei genauer Lektüre keineswegs den Normen des Nationalsozialismus. Ihr Autor musste sich dagegen mehrfach vor der Gestapo verantworten. Als die deutsche Wehrmacht die Niederlande besetzte wurden viele Mitglieder der Namensfamilie Italiaander verhaftet und in die Vernichtungslager deportiert und schließlich dort ermordet.

Rolf Italiaander versuchte sich still zu verhalten. Die Nazis, so war zu befürchten, kümmerten sich wenig um die differenziert zu betrachtenden verwandtschaftlichen Verhältnisse der Großfamilie Italiaander. Er war kein Widerständler, allenfalls jemand, der sich unauffällig verhielt, hin und wieder zu kleinen Gesten des zivilen Ungehorsams greifend. Dass er nach dem Kriege in Hamburg wiederholt auf das Schicksal der Italiaander-Familie hinwies wurde ihm als falsche Attitude ausgelegt; ein Missverständnis mehr im Leben des Rolf Italiaander.

Während der Zeit des so genannten Dritten Reiches wäre Rolf Italiaander gern von Europa fort gegangen, in die Fremdenlegion z.B., die den jungen Mann aber nicht haben wollte; zum Heldensoldaten war er nun aber auch gänzlich ungeeignet. Allerdings faszinierte ihn der schwarze Erdteil Afrika. Zu ihm fühlte er sich hingezogen, und da die Legion ihm die Eintrittskarte verweigerte, brach er schließlich allein dorthin auf, auf eigene Faust, durchquerte Nordafrika mit dem Fahrrad und verliebte sich in den damals noch weitgehend unbeachteten Kontinent, der allenfalls dazu diente, den weißen Kolonialherren zu Ansehen und Reichtum zu verhelfen.

Afrika, daran denkt manch einer zuerst, wenn er den Namen Italiaander hört. In der Tat: wohl am bekanntesten war Rolf Italiaander einer breiten Öffentlichkeit als Chronist der Länder der „Dritten Welt“ wie man in den 50er und 60er nicht frei von Überheblichkeit und Geringschätzung zu sagen pflegte. Insbesondere Zentralafrika hob er in den Blick seiner Leser zu Hause.

italiaander_senghorSeit den 30er Jahren hatte er den schwarzen Erdteil regelmäßig bereist. Mehr als 30 Bücher über Afrika sind im Laufe der Jahre entstanden, in denen es darum ging, ein für damalige Verhältnisse neues Afrika-Bild zu erstellen, fern allem kolonialen Besitzstandsdenken und weißer Intoleranz. Aus der genauen Kenntnis, aus eigenem Erleben der Kulturen, Sitten und Gebräuche der Afrikaner, schilderte Italiaander den schwarzen Kontinent. Er warb für diesen Erdteil, seine Menschen und ihre eigenständige Kultur; er nahm ihre ruralen und religiösen Riten ernst und begegnete ihnen mit Toleranz, ja geradezu mit einer Begierde nach Neuem, Andersartigem, das er unserer europäischen Lebensweise nur allzu gern hätte amalgamieren mögen.

italiaander_schweitzerEs blieb aber nicht nur beim Schreiben über Afrika. Kaum ein zweiter neben Italiaander hat so aktiv etwa für das Urwaldhospital in Lambarene gesorgt wie er. Der Theologe, Musikwissenschaftler und Mediziner Albert Schweitzer hatte in Italiaanders Geburtsjahr 1913 mitten im Urwald ein Hospital gegründet, wo er vorzugsweise schwarze Patienten behandelte, die von der damals noch kaum heilbaren Leprakrankheit befallen waren. Italiaander sammelte überall in Deutschland Geld- und Sachspenden. Ich selbst erinnere mich noch ganz genau an meine Schulzeit in Mainz; als dort nämlich große grün bemalte Busse mit dem Konterfei Schweitzers durch die Stadt fuhren und um Spenden für Lambarene baten. Das war ein Werk Italiaanders. Und natürlich überbrachte er die Spenden persönlich, blieb mehrmals für längere Zeit in Lambarene und machte sich dort nützlich.

Aufgrund seiner Afrikabücher wurde er zu Vorlesungen in die USA, nach Brasilien, Indien und Japan geladen. Vor farbigen Studenten setzte er sich für die Gleichberechtigung aller Menschen ein, ganz gleich welcher Rasse, Religion oder regionalen Herkommens sie auch immer waren.

Was in Afrika begonnen wurde, setzte sich in den Ländern Asiens und Amerikas fort. In Büchern wie „Die neuen Männer Afrikas“, „Die neuen Männer Asiens“ oder „Terra Dolorosa“, die übrigens in mehreren Auflagen erschienen und allesamt das waren, was man Bestseller nennt, berichtete Italiaander über geschichtliche, religiöse, kulturelle, insbesondere aber über soziale Fragen und politische Strömungen in Ländern, die uns Europäern bis dahin weitgehend als „exotisch“ galten und mitunter immer noch gelten.

Im Mittelpunkt seines Schreibens und Wirkens stand der Kampf gegen Rassismus und gegen religiöse Diskriminierung. Er ist nie müde geworden, andere Rassen und Religionen zu erforschen und den Daheimgebliebenen näher zu bringen. Er wandte sich gegen alle Religionen, die einen doktrinären Ausschließlichkeitsanspruch auf Wahrheit und Gerechtigkeit anmelden. Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus und naiver Götterglaube, etwa der Papuas, waren ihm gleichberechtigte und gleichrangige Wege zu Gott.

Ich bin überzeugt: Rolf Italiaander wusste, wie weit der Weg war zum wirklichen Frieden. Er spielte nicht den Träumer, steckte den Kopf nicht in den Sand der himmlischen Dinge. Gewalt, Rassismus, ideologische Bevormundung übersah er keineswegs. Im Gegenteil. Dass er noch wenige Wochen vor seinem Tod in einem Gespräch unsere Friedensaussichten eher pessimistisch beurteilte, lag in seinen Erfahrungen und in seinem Wissen um fremde Völker und Kulturen begründet. Obwohl er nicht hoch wettete, dass es mit uns ein gutes Ende nehmen werde, versuchte er doch dafür zu wirken. Er glaubte daran, dass man durch das Beispiel des Guten und Schönen erzieherisch wirken kann. Die Kunst, insbesondere die Volkskunst, war ihm ein Mittel dazu. In seinem Museum, in diesem Hause, hat er eine große Privatsammlung volkstümlicher Künste aus aller Welt zusammengetragen. Sie ist äußere Ausdruck seines Wollens, eines Harmoniegedankens und –wunsches, den er der „gebrechlichen Verfassung der Welt“, um ein Wort Heinrich von Kleists aufzugreifen, entgegenstellte.

Aufzuklären, Beispiele und Anstöße zu geben, mitunter gegen den Strom der Ignoranz und des Vergessens und Verdrängens zu schwimmen ist harte, geistige Arbeit. Rolf Italiaander hat sich zeitlebens dieser Arbeit unterzogen. „Geist“, so argumentierte er mit Heinrich Mann „ist Tat, die für den Menschen geschieht.“

Wenn am kommenden Mittwoch Italiaanders 100. Geburtstag auf dem Kalender steht, wer wird sich dann an ihn erinnern und welches Bild tritt dann vor das geistige Auge? Zuallererst wohl das eines rastlos arbeitenden Menschen, einer der getrieben war von seinen vielen Interessen und Talenten und der nicht einsehen wollte und konnte, das ein Leben nicht ausreicht, um all dem gerecht zu werden. Seine Ungeduld im Umgang mit Menschen, seine Direktheit im Gespräch mit ihnen, unbeugsam und mitunter verletzend, auch das wird bleiben.

Mir erscheint er als jemand, der aus seiner Zeit gefallen ist, der den festen Glauben daran hatte, die Welt ließe sich so einrichten wie er es als gut und richtig empfand. Er sah sich selbst als einen Universalisten im Geiste, vielleicht als einen letzten der Art, wo doch die Welt längst den Spezialisten überlassen worden war. Meist war er auf dem richtigen Weg, ohne aber immer der Richtige auf diesem Weg zu sein. Dafür reichten die Kräfte nicht aus, wer auch hätte sie, solche selbst auferlegten Mammutaufgaben zu meistern?

Und: Diplomatie war nicht seine Sache, auch nicht die Bereitschaft zum Kompromiss. Er überschätzte und überforderte sein jeweiliges Gegenüber oftmals, weil er nicht akzeptieren konnte, dass andere Menschen, die mit ihm in Kontakt kamen nicht immer nur und ausschließlich seiner Richtung und seinen vorgegebenen Zielen folgen konnten, aus welchen Gründen auch immer. Das führte mitunter zu Spannungen und Missverständnissen, an denen gerade er selbst besonders litt. Aber er blieb seiner Linie treu, verfolgte sein Ziel mit Beharrlichkeit, ohne sich viel um die Reaktionen um ihn herum zu kümmern.

Die Welt war sein Zuhause, so wie er sie auf ungezählten Reisen kennen gelernt hatte, wie er sie rastlos und beinahe unstet immer und immer wieder durchquerte. Als dafür die Kräfte nicht mehr reichten, war es der heimische Schreibtisch in der Hamburger St. Benedictstraße, der ihm die Welt ersetzte. Im täglichen Schreiben drehten sich die Gedanken um all das Gesehene und Erlebte, um die Begegnungen mit Menschen und fremden Kulturen, die er alle in seiner Erinnerung bis zuletzt als großen Schatz bewahrt hielt. Zeit seines Lebens blickte er mit Kinderaugen auf die Welt, ein großer Naiver und Freund des Lebens in all seinen Schattierungen.

Als er am 3. September 1991 in Hamburg starb hinterließ er eine Lücke, die nicht mehr zu schließen war, auch nicht mehr geschlossen werden konnte und wohl auch nicht sollte. Die Welt, wie er sie sah und von der er berichtete war nicht mehr.

Was bleibt, ist die Erinnerung an eine starke, unbeugsame Persönlichkeit, an einen Menschen, der es gut mit seinesgleichen meinte und der mit großer Geste seine Liebe und Ehrfurcht zu Gott und den Menschen auszudrücken verstand. Für seine Todesanzeige hatte er schon früh die Schillersche Verszeile an die Freude sich ausgesucht: „Seid umschlungen Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt.“

Museum Rade am Schloss Reinbek
Sonntag, 17. Februar 2013