Farbe bekennen

Theilacker, Lucca
Hans Theilacker: Lucca, 2001

Sonntag, 23.2.2014
16 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Farbe bekennen
Malerei von Hans Theilacker
Dauer der Ausstellung bis 6.4.2014

Die Ausstellung mit Aquarellen von Hans Theilacker entführt uns Besucher in die großflächige Weite Norddeutschlands, mit dem niedrigen Himmel darüber, an die Meeresküsten, wolkenüberflaggt und an die Elbe, in den Hamburger Hafen zumal, ebenso wie in den überblauten Wonnesüden, nach Spanien und Italien, und sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf blühende Bukette und Blumenfelder. Eine schöne, eine heile, eine unversehrte Welt also, die uns in diesen Bildern entgegentritt? Ich denke ja – in jedem Fall eine Welt, in der natürliche Gegebenheiten als Wert an sich begriffen und bejaht werden. Hier wird nicht mit dem Pinsel karikiert, persifliert, zergliedert oder gar entstellt, sondern abgebildet – nicht im photographisch exakten Sinn einer Momentaufnahme – vielmehr im künstlerischen Sinn, das Ungeschaute nämlich sichtbar zu machen.

Der in Heidelberg geborene Grafiker und Maler lebt und arbeitet, will heißen: malt, seit 1975 in Oststeinbek am Stadtrand von Hamburg, ganz in unserer Nähe also. Schon während der Schulzeit wurde er zu engagiertem Malen angehalten. Sein Mentor Hermann Metz weihte ihn in den professionellen Umgang mit Farbe, Pinsel und Leinwand ein, so dass Hans Theilacker sich noch vor der Währungsreform für die Ausbildung zum Werbegrafiker entscheiden konnte. Über viele Jahre konnte er auf dem Gebiet der kreativen Werbung einen sehr erfolgreichen Weg gehen, den er schließlich als Kataloggestalter und Art Director beim größten deutschen Versandhausunternehmen abschloss. Überhaupt: Hans Theilacker gilt in Kennerkreisen als der Vater und Erfinder des Versandkatalogs.

Durch all die vielen Berufsjahre hindurch verlor er allerdings ein Ziel nicht aus den Augen: seiner Lieblingsbeschäftigung, der Malerei, uneingeschränkt nachgehen zu dürfen. Seit 1988 selbständig arbeitend, entwickelte er das Aquarell zu seiner bevorzugten Maltechnik. Sie gibt ihm die Möglichkeit, Farbintensität und Subtilität gleichermaßen auszudrücken und das oft in fließenden Farbübergängen.

Schon 1993 trat er mit einer ersten Ausstellung hier im Museum Rade hervor, die damals schon den Titel „Farbe bekennen“ trug. Weitere Werkschauen folgten hier und auch gegenüber im Schloss Reinbek.

Die Aquarelle dieser Ausstellung zeigen auch, dass Hans Theilacker ein weit gereister Mann ist, der immer einen Skizzenblock mit sich führt, um vor der Natur seine Eindrücke flüchtig aber gekonnt festzuhalten. Mit Kohle oder Filzstift gibt er der Skizze Halt und Umriss, mit Aquarellfarbe wird der unmittelbare Eindruck festgehalten und bereits überhöht. Nur für das Wichtige, das sinnlich Erregende ist da Platz auf dem Skizzenblock. Das ist bereits ein künstlerischer Vorgang, der Status nascendi des Kunstwerks, denn es handelt sich um Auswahl, um subjektive Wahrnehmung und Verarbeitung von Berührtheit und – im Fall von Hans Theilacker – um Widerspiegelung innerer Freude.

Nur solcherlei Skizze ist tauglich, im heimischen Atelier in Oststeinbek als Vorlage zu dienen, wenn es darum geht, das Motiv aufzugreifen und im Großformat auszuführen. Man kann gerade in dieser Ausstellung gut verfolgen, wie der Künstler über den Reisenden sich hinwegsetzt. Die Skizze ist oftmals näher an der Wirklichkeit; aber was kümmert das den Künstler? Um Spannung zu erzeugen und Ästhetik zu präludieren werden Farben geändert oder Linien, eine Halbinsel greift weiter ins Wasser als ursprünglich festgehalten, und die saubere Linie des Horizonts wird durch ein blakendes Segel zertrennt. Der Kompositorik fällt die Exaktheit zum Opfer.

Wo andere Maler auf den Erinnerungswert von Urlaubsfotos oder gar Postkarten vertrauen, um abmalend ihr Werk zu schaffen, nach zu schaffen, verlässt sich Hans Theilacker ganz auf sich selbst. Nicht ums Abbild ist es ihm zu tun, sondern ums Bild. Das Foto gibt Realität wider, oft sogar von fremder Hand eingefangen, das subjektiv erschaute und erschaffene Bild dagegen zeigt die Wahrheit eines Ortes, einer Landschaft als Stimmung und Atmosphäre. Diese sind immer bei der Kunst, selten nur bei der Wirklichkeit.

Nur was an Naturbeobachtung und Sinneseindruck in sein Inneres vordringt, ist wert Thema und Bildgegenstand der Malerei zu sein. So besteht für den Künstler auch folgerichtig die Wirkung seiner Kunstwerke auf die Beschauer in den     Emotionen, die sie auslösen. Es geht Hans Theilacker nicht darum, den festlichen Augenblick und außergewöhnliche Situationen in seiner Malerei festzuhalten. An die Stelle des Besonderen tritt das Wesentliche, Bleibende, Immerwährende – das Typische also.

Die uns umgebende Naturlandschaft ist also Gegenstand dieser Bilder, die kreatürliche Welt in ihrer Überzeitlichkeit. Der Mensch fehlt auf den Naturbildern, er ist nicht Gegenstand der Abbildung. Zum Gegenstand wird wird er aber zusätzlich in dieser Ausstellung. Sechs große Tableaus zeigen weibliche Antlitze in den verschiedensten Gemütslagen. Es ist ein mutiger Versuch, mittels wasserlöslicher Farben, das Gesicht des Menschen darzustellen. Auch hier geht es darum, Typisches an die Stelle des Individuellen zu setzen. Angst, Stolz, Verzagtheit, Bangigkeit, und Rückbesinnung oder nervöse Spannung sind solche Gemütszustände, die wir alle kennen und die uns aus den Physiognomien der Frauen und Mädchen entgegen schauen.

Wir haben es gesagt: Hans Theilacker hat für große Versandhäuser als Grafiker gearbeitet, als so genannter Gebrauchsgrafiker also und dabei niemals das Verlangen nach der freien, der ungebundenen Kunst aufgegeben. Besonders in der Landschaftsmalerei fand er das befreiende künstlerische Pendant zur angewandten kunsthandwerklichen Tagespraxis.

Das Arbeiten mit wasserlöslichen Farben ist sein wichtigstes künstlerisches Metier und Ausdrucksmittel. Ihm widmet er seine ganze Aufmerksamkeit und wird darüber nicht müde, zu experimentieren und zu probieren. Da fließen die Farben direkt ineinander – nass in nass gemalt – Verläufe, Verfliessungen, auch Übermalungen kommen vor wie auch die äußerst difizielen Weißaussparungen. Hierbei erweist sich die Meisterschaft im Handwerk. Jeder Pinselstrich muss auf Anhieb sitzen, sonst ist das Blatt verdorben, ein Neuanfang unumgänglich.

Die Farben Hans Theilackers erinnern an die des Expressionismus und führen wie damals ein Eigenleben, und es scheint mir nicht übertrieben zu sein, diesen Farben einen eigenen immanenten Gestaltwert zu zu erkennen. Die Form tritt manchmal dahinter zurück, ohne jedoch unwichtig zu werden. Scharfe Konturen fehlen meist und manchmal löst sich jede Form auf in eine Art Farbenspiel. Das lässt natürlich kein Erkennen im realen Sinn mehr zu, wohl aber eine dem Erkennen zugrunde liegende Substanz. Der Maler fordert uns hier Seh-Arbeit ab, und er konfrontiert uns mit der eigenen Phantasie – der unsrigen nämlich. Die Anschauungsformen der bildhaften Vorstellung, Form und in vorliegenden Fall noch mehr die Farbe, sind aus der objektiven Kontrolle, das heiß aus der Kontrolle am Objekt entlassen und beanspruchen in der Darstellung ihren unvorhergesehenen Rang. Diese vom allgemein verbindlichen Sehen befreiten Bestandteile vermag Hans Theilacker in eine neue Ordnung zu fügen, in eine Poetik der Farben und des malerischen Ausdrucks.

Kein Zweifel, die hier ausgestellten Bilder führen den Blick zurück auf das Konkrete in der Kunst. Vielleicht, dass der eine oder andere Beschauer beim Betrachten dieser Aquarelle etwas längst vergessen Geglaubtes in dieser Ausstellung wieder findet: Natur und Landschaft als Schönheit und Größe, dazu angetan, unser aller Leben zu bereichern. Hans Theilacker ist ein in die Malerei entlaufener Poet, ein Geschichtenerzähler und Fabulierer ohne Worte. In seinen Bildern erzählt er auf ungekünstelte aber eindringliche Art und Weise von den naturgegebenen Dingen des Seins und von der Freude über ihre Existenz. Dass sich etwas von dieser Freude auf Sie alle übertragen möge, wünsche ich Ihnen zum Beschluss. Feiern wir gemeinsam ein Fest der Farben und des Schauens, ein Fest des Lebens selbst.

Bernd M. Kraske