Katrin Zimmer – Neue Bilder

Katrin Zimmer, Büsum
Büsum

Sonntag, 21.2.2016
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Katrin Zimmer – Neue Bilder
Dauer der Ausstellung bis 10. April 2016

 

Katrin Zimmers Ausstellung mit dem schlichten Titel „Neue Bilder“ lädt ein zu einer Reise ins Land der Phantasie, ins Land auch der Formen und Farben, auf eine Reise zu erdachten und erinnerten Orten. Und diese Ausstellung zeigt unverhohlen die Freude und die Lust am Gestalten, mit Formen, Materialien und Farben sich beschäftigen zu dürfen. Sich beinahe auflösende expressive Farben und Formen führt uns die Künstlerin vor, die ganz auf Gegensätze gestellt sind; auf den Gegensatz etwa von Fläche und Linie, von Hell und Dunkel, von Harmonie und Chaos, von Ruhe und Erregung, von Offenbarung und Verschlüsselung. Die häufige Verwendung von Komplementärfarben verstärkt diesen Eindruck und macht gleichzeitig deutlich, worum es Katrin Zimmer geht. In ihrer Malerei feiert sie ein Fest der Farben, das zu aller erst; ein Fest der Malerei, die sich selbst genügt, ohne spekulative Absicht, ohne Umdeutung und Umwertung, ohne den Versuch, den Dingen und den Bildern, die sie sich davon macht, Wirklichkeiten beizulegen, die sie nicht haben. Landschaft, Interieurs, Architektur und Menschen nimmt sie so, wie sie sie sieht, reduziert sie auf meist einfache, deutlich lesbare Formen  und macht sich so ein Bild, ohne im Abbildhaften lang zu verweilen.

 Katrin Zimmer stammt aus Lübeck, ging nach der Schulzeit nach Braunschweig, um bei Alfred Winter-Rust Malerei zu studieren. Seit Jahren wohnt sie im benachbarten Aumühle und kann mittlerweile auf eine Reihe von Ausstellungen, Einzel- und auch Gruppenausstellungen, zurück blicken. Und: sie hat Sammler ihrer Bilder gefunden, ein Glücksfall für eine Künstlerin, die von ihrer Arbeit leben will.

 Was uns allen direkt ins Auge springt, ist die starke Farbigkeit ihrer Bilder. „Farben“, so hat es der Bescheidwisser von Weimar, Johann Wolfgang von Goethe, gesagt, „sind Freuden und Leiden des Lichts“. Bei Katrin Zimmer darf unbedingt davon die Rede sein, besonders die, von der Freude des Lichts. Sie gibt den Farben ihre ureigenste Bedeutung zurück und verweist auf ihre Aufgabe, nämlich Dienerin der Kunst zu sein. Und: Frau Zimmer zeigt uns in ihrer Ausstellung klar und sehr deutlich, dass Farben nicht nur Mittel zum Kunstwerk sind, sondern durchaus eigenen Gestaltwert beanspruchen dürfen. Eitempera ist ihr bevorzugtes Malmaterial, aber auch Ölkreiden, Gouachen und Zeichnungen mit Fineliner kommen in dieser Ausstellung vor.

 Da ihr das Malen an sich das wichtigste ist, kommt das Motiv, welches es darzustellen gilt, erst an zweiter Stelle. Es handelt sich dabei oftmals um wenig spektakuläre Alltagsszenen aus unserer Erfahrungswelt, oftmals um reine Erfindungen und Vorstellungen von Dingen und Gegenden, niemals in Wirklichkeit geschaut, doch oftmals erträumt und erwünscht. Solch ein Sehnsuchtsort ist das Café, ganz egal ob in Paris, Wien oder Hamburg. Immer sind es dicht bevölkerte Innenräume, Menschen an Tischen oder im Vorübergehen, eine Kellnerin huscht durch die Szene, mit gefülltem Tablett und weißer Schürze. Um sie spielt ein bewegtes Netzwerk von Farben, harmonisch aufeinander abgestuft. Diese Farben, diese Eleganz, diese ruhige Freude und Gelassenheit, diese Souveränität machen das Caféhaus zum Lieblingsort der Künstlerin. Ein ähnlicher Ort ist der Circus, auch das Theaterbistro; Freude, Erwartung, Genuss und Staunen mischen sich ineinander. Sie zeigt uns aber nicht was in der Manege oder auf der Bühne geschieht. Katrin Zimmer rechnet mit unserem Wissen und baut auf unsere Erfahrung an diesen Orten. Da es ihr auf das Sujet erst in zweiter Linie zu tun ist, legt sie eine Art Schleier über ihre Bilder, bricht sie die Stärke und Eindeutigkeiten ihrer Motive und setzt an ihre Stelle Erfahrung, Erinnerung, Gefühl für Orte und Dinge. Was so erreicht wird, ist eine gelöste Stimmung und Heiterkeit, die sich als atmosphärisch Dichtes und Ganzes offenbart.

Ein treffendes Beispiel hierfür ist das Bild „Strandkorb“. Sand, Himmel, ein zurück geklappter Strandkorb, drei Menschen im Badedress oder zumindest sommerlich leicht bekleidet, all das haben wir auf einen Blick beieinander, ohne dass auch nur ein Detail gewissenhaft genau ausgeführt ist. Es reicht die Andeutung, und schon sind wir eingefangen in die sommerliche Atmosphäre eines blau überstrahlten Strand- und Badetages und wissen doch rein gar nichts vom wer, wo und wann.

 Auch auf dem „Maiwald“ betitelten Bild wissen wir nicht, wo die im frischen Grün sich reckenden Bäume stehen. Sie sind da und es sieht so aus, als freuten sie sich zusammen mit ihrer Malerin über ihr Dasein.

 Auch wenn einmal, wie auf dem Bild „Rügen“, ein Ort konkret benannt ist, geht es nicht um erkennen, eher um erinnern oder um bildhafte Ahnung von der Insel. Eingefangen ist ein Küstenstrich, steil ansteigend, menschenleer dabei und getaucht ins diffuse Licht einer nicht benennbaren Tages- und Jahreszeit. So stellt sich die Malerin Rügen vor, und es interessiert sie nicht, ob wir die Szenerie wiedererkennen oder nicht. An die Stelle nachprüfbarer Orte stellt sie uns ihr Bild davon. In der Verweigerung des konkreten Abbildes wird eine Position deutlich, die beinahe kindlich scheu und staunend in sich hineinhorcht, hineinsieht und dabei Dinge entdeckt, Landschaften, Menschen, Gerüche, Geräusche, Bilder von einst, die nichts anderes sind als verschüttetes Leben und verschattetes Dasein.

 Katrin Zimmer malt Orte und Szenen voller Heiterkeit, voller Rausch, voller Gelöstheit und Staunen. Wir erkennen sie als solche, ohne aber konkrete Situationen zu erkennen. Diese sind allenfalls in unserer Erinnerung gespeichert, sind an unsere Erfahrungen und Begegnungen geknüpft. Katrin Zimmer stößt mit ihrer Malerei etwas in uns an, das wir längst schon kennen, weil wir es erfahren, erlebt, gesehen haben, und dessen diffuses Bild sich vor dem Angesicht ihrer Bildwerke zu klären beginnt. Der so erreichte Schwebezustand ist der zwischen der Welt des Wirklichen und der Welt der Kunst, als einer in Tiefen liegenden, meist verschütteten aber nicht weg zu leugnenden Wahrheit.

Museum Rade Reinbek, 21. Februar 2016
Bernd M. Kraske