Lebendige Ketten

Kouadio, KettenSonntag, 16.6.2013
16 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
›Lebendige Ketten‹
Fotografien des Ivorers Jerôme Kouadio
Dauer der Ausstellung bis 18.8.2013

Die Ausstellung des von der Côte-d´Ivoire stammenden Fotokünstlers Jérôme Kouadio führt uns direkt ins Herz, mehr noch, in die Seele Afrikas. Er zeigt uns die Menschen seiner Heimat, Frauen und Kinder zumal, und er zeigt sie in ihrem Alltag. Und er zeigt nur Frauen und Kinder. Männer sucht man auf seinen Fotografien vergeblich. Sie, die Männer, sind für Jérôme Kouadio die Mitverantwortlichen für die Misere Afrikas, für Armut, zivilisatorische Rückständigkeit, für immer noch grassierenden Analphabetismus, für Korruption, für Seuchen, für Aids und immer wieder aufbrechende Kriege zwischen den Ethnien.

Dabei ist Afrika doch ein so reicher Kontinent: reich an Menschen und Kulturen, reich an Flora und Fauna, reich an Bodenschätzen, eine ursprüngliche, gesegnete Erde, welche die Kolonialisten, alte wie neue, sich zur Ausbeutung aufgeteilt haben.

Jérôme Kouadio stellt Fragen, wo Andere schweigen oder sich in den Alltagssorgen eingenistet haben. Und diese Fragen sind ein gewichtiger Teil dieser Ausstellung. Warum leidet Afrika noch 50 Jahre nach dem Ende der Kolonialherrschaft an deren Nachwirkungen? Warum kann es sich noch immer nicht aus den Ketten der Fremdbestimmtheit befreien? Fragen über Fragen, aber kaum gültige Antworten.

Wie fest diese Ketten noch immer geschmiedet sind führt uns der Fotograf vor. Die Kette als Symbol der Knechtung und Unfreiheit durchzieht die Ausstellung wie ein roter Faden und hat ihr ja auch schließlich den Titel gegeben. Dass diese Ketten  noch immer fesseln, dass sie noch immer lebendig sind, das lässt sich nicht zuletzt an den Physiognomien der Frauenbilder ablesen.

Afrikas Frauen blicken uns freundlich lächelnd an bei ihrer Alltagsarbeit, durchaus mit Stolz im Gesicht, aber auch mit einem Anflug von nachdenklichem Ernst, mitunter sogar mit einem Schuss Traurigkeit. Sie wissen um ihr Los, das sie nicht verschuldet haben, in dessen Ketten sie aber aushalten müssen. Wie aber es ändern? Im Besinnen auf sich selbst, auf ihre Kultur, im großen Miteinander der Frauen zeigt sich aber auch das freundliche Gesicht Afrikas, das aber auf dem daneben hängenden Foto vom Müll- und Schuttplatz abgelöst wird und in eine ratlose Wirklichkeit mündet.

Von Anmut, Stolz und Fleiß, gepaart mit dem Wissen um die eigenen Fähigkeiten aber auch von der Desillusion, das Joch der Ketten bald brechen zu können: von alldem sprechen die Frauenbilder in dieser Ausstellung.

Gleich beim Eintreten in diese Ausstellung werden wir mit dem Doppelportrait eines jungen Mädchens konfrontiert. Halb Kind noch und schon halb Frau schaut es mit großen fragenden Augen in die Welt. Das Mädchen ist taubstumm und kann daher auch nicht sprechen. Was bei uns  leicht möglich wäre, durch spezielle Therapien sprechen zu lernen, aktiv am Leben teilzunehmen, das bleibt ihr zu Hause verwehrt. Auch sie bindet die Kette der Armut und der Ausweglosigkeit. Tief aus dem Spiegel ihrer großen betörenden Augen spricht die Tristesse ihrer Existenz, ein Symbol geradezu für die Befindlichkeit ihres großen Kontinents Afrika.

Noch unbeirrt von der Lebenswirklichkeit dagegen zeigen sich die Kinder. Sie lachen und spielen noch ganz unbeschwert wie alle Kinder dieser Welt, auch selbst dort, wo sie mit anpacken müssen, arbeiten müssen, geschieht das spielerisch und voller Freude. Sie spüren die Ketten noch nicht, die ihre Eltern fesseln. Unsere Aufgabe ist es auch, dafür mit zu sorgen, dass ihre Zukunft sich frei und unabhängig gestaltet. Aus den Fesseln der Knechtschaft müssen Ketten von freien und souveränen Menschen werden, unterschiedlich nach Herkommen und Hautfarbe, aber einig in ihrer Aufgabe, diese Welt human zu gestalten. Der Weg dahin scheint weit, aber bereits im Aufbruch liegt das Ziel.

Jérôme Kouadio, der schon 1994 zu uns nach Deutschland gekommen ist und in Hamburg eine Fotografenausbildung durchlaufen hat, glaubt fest daran, dieses Ziel zu erreichen. Er ist nicht nur ein Idealist, sondern weit mehr noch ein Moralist, einer, der in den Gang der Welt eingreifen möchte, der bessern, zumindest aber lindern möchte. Ihm geht es darum, den Frauen Afrikas gerecht zu werden, darum , dass ihre führende Rolle für das Wohlbefinden der afrikanischen Gesellschaften endlich gesehen, akzeptiert und gewürdigt wird. Und es geht ihm darum, Kindern eine vernünftige Ausbildung zu geben, als festem Baustein für eine glückliche und prosperierende Zukunft seines Heimatkontinents Afrika. Das ist alles andere als modern und zeitgemäß, bei Lichte besehen, ist es gar dem Zeitgeist entgegengesetzt. Seine Fragen rütteln am Gewissen jedes Einzelnen, das ist unbequem und der Spaßgesellschaft abhold. Vergessen wir aber bitte nicht, dass unser aller Wohlergehen und unser aller Sicherheit vom noch schlummernden Riesen Afrika zukünftig mitbestimmt werden wird.

Die Ausstellung von Jérôme Kouadio lädt uns ein, über all das nachzudenken und mit wachen Augen auf den schwarzen Kontinent zu blicken. Den dortigen Menschen mit Achtung und Sympathie zu begegnen ist das wenigste was wir tun können. Der Künstler hat seine Arbeit getan, folgen wir seinem Beispiel und werben wir für die Menschen in Afrika.

Museum Rade am Schloß Reinbek, den 16. Juni 2013
Bernd M. Kraske