Nidden – Landschaft

NiddenSonntag, 25.8.2013
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Nidden‹ – Landschaft der Sehnsucht
Aus der Sammlung Dr. Bernd Schimpke
Dauer der Ausstellung bis 10.11.2013

Im Jahr 1928 machte sich der erst 15jährige Leipziger Schüler Rolf Italiaander auf nach Pillkoppen auf die Kurische Nehrung, um dort segelfliegen zu lernen. In einem Buch, das im renommierten Zürcher Verlag von Orell Füssli 1931 erschien, berichtete er über seine Zeit auf der Nehrung. Über Nacht wurde er als „Jüngster Segelflieger“ bekannt; und diesem ersten Buch sollten beinahe unzählig weitere folgen. Der Gründer dieses Museums war also zu der Zeit im litauisch-deutschen Memelgebiet unterwegs, als im Fischerdorf Nidden sich Maler aus den nordostdeutschen Metropolen ein Stelldichein gaben.

Damals wie heute war und ist das Fischer-, Wald-, Dünen- und Feriendorf Nidden hübsch anzusehen. Die alten Fischerhäuser besonders, blaue, braune, rote und gelbe Häuschen aus Naturstein und Holz, Gras bewachsen die Dächer mit den verzierten Giebeln und den kurisch-blauen Windbrettern, zwischen denen Obstbäume, Phlox, Malven und Dahlien üppig hervorschauen; diese Baulichkeiten evozieren ein Gefühl von Menschenmaß, von Stolz und Freude über die Einfachheit des Lebens in einer ehrfürchtig bejahten Natur, die mit dem Menschen im Einklang ist, auch da noch, wo sie ihr wetterhartes Gesicht zeigt und das Leben der Fischer zumal mitunter aufs Spiel setzt.

Mann kann gut nachvollziehen, dass in den 1890er Jahren Künstler des nahe gelegenen Königsberg aber auch Maler der Berliner und Dresdner Sezession vor allem Nidden zum Worpswede des Ostens werden ließen. Die Künstlerkolonie, das große Freiluftatelier, versammelte Künstlervater Hermann Blode in seinem, bis heute existierenden, Gasthof um sich. Namen, die heute Weltklang genießen waren darunter: Max Pechstein etwa oder Karl Schmidt-Rottluff, Lovis Corinth und, nicht zu vergessen, Ernst Mollenhauer, der Blodes Schwiegersohn wurde. Sie alle malten die Motive, die sie auf der Nehrung fanden: die Ostseeküste und die des Haffs, die Kurenkähne mit den typischen Kurenwimpeln, die Fischerhäuser und die Kurengräber mit den grünlich verwitterten Totenbrettern, die Holzkreuze mit den heidnischen Motiven und den alten deutschen Inschriften, umleuchtet von Bauernnelken und Vergissmeinnicht.

Die Künstlerkolonie versprach authentische Formen und Erfahrungen vom Leben selbst, eines einfachen, noch nicht entfremdeten Daseins jenseits der künstlichen Paradiese der Großstädte. Was die Maler suchten war die Reinheit und Unverfälschtheit der Natur, ihre Ursprünglichkeit. Vor ihrer Staffelei an der Hafenmole oder hoch oben auf der Düne sitzend, feierten sie ihre täglichen Lebens- und Kunstfeste, die sich abends im Gasthaus Blode auf der fein gedeckten Veranda, beim heimeligen Schein der Petroleumlämpchen, so sorglos fortführen ließen. Es waren das Licht und die von ihm aufbereiteten Farben, welche die deutschen Expressionisten zumal auf die Nehrung zogen: das strahlende Himmelsblau ebenso wie die Dunkeltöne des Haffs in ihren unendlichen Nuancen. Eine ganze Palette von Blautönen bot sich an, Kornblumen-, Kobalt- und Ultramarinblau. Verschwenderisch dargeboten vom Wolken überflaggten Firmament und der weit gespannten Wasserfläche zu beiden Seiten des nur schmalen Sandstreifens.

Aber es waren nicht nur bildende Künstler, die sich von der Einmaligkeit der Nehrung angezogen fühlten. Auch der Repräsentant der deutschen Literatur, Thomas Mann, ließ sich auf dem Niddener Schwiegermutterberg ein Haus errichten, in welchem er zwischen 1930 und 1932 die Sommermonate mit den Seinen verbrachte. Vieles an Landschaftsbeschreibung in seinem großen Romangemälde „Joseph und seine Brüder“ ist der Nehrung bei Nidden entlehnt.

Nachbar auf dem Schwiegermutterberg, mit seiner großartigen Aussicht auf das Haff und den malerischen Flecken Purwin, war Carl Knauf, ein aus dem Rheinland stammender Maler, der bis zu seinem frühen Tod 1944 in Nidden wohnhaft war. Mehr als jeder andere  Künstler der Niddener Kolonie hat er dort gemalt, hat er Landschaft und Menschen festgehalten und Zeugnis abgelegt von der Schönheit und Einzigartigkeit des schmalen Sandstreifens zwischen Ostsee und Haff.

Der Hamburger Kaufmann und Sammler Dr. Bernd Schimpke, in dessen umfangreicher Privatsammlung die hier zu sehende Ausstellung lediglich einen kleinen Einblick bietet, ist wie so viele andere Besucher auch der Faszination Niddens erlegen, hat sich dort ein Haus gebaut mit einer Galerie der Niddener Künstler von ehedem.

Obgleich die Nehrung für ihn eine Sehnsuchtslandschaft ist, noch immer ist, übersieht er nicht deren schnell sich vollziehenden Wandel. Vieles was in dieser Ausstellung zu sehen ist, existiert so nicht mehr, ist im Verschwinden begriffen, von der wirkenden Zeit überholt und manches auf dem Altar des modernen Tourismus geopfert worden. Die auf den Bildern so eindrücklich begegnenden Kurenkähne gibt es nicht mehr; haben Dutzenden schmucker Jachten im kleinen Hafen Platz gemacht, ein einziger originaler Nachbau segelt noch auf dem Haff und gibt einen Eindruck vom Handwerk der Fischer, das in dieser Ausstellung auch immer wieder Bildgegenstand ist.

Auch die Hohe Düne, ebenfalls ein Hauptmotiv, strahlend gelb und silbrig ist in großen Teilen bewachsen und übergrünt und hat ihren mythischen  Charakter als Saharalandschaft Europas weitgehend verloren. Die Fischerhäuschen aber existieren weiter und erhalten Nidden seine bauliche Besonderheit, auch wenn heute darin kaum mehr Fischer anzutreffen sind. Die Enkel derjenigen, die auf dem kleinen deutschen Friedhof von Nidden ihre letzte und endgültige Ruhe gefunden haben, sind längst im Gast- und Tourismusgewerbe tätig oder nach 1945 oder deren Urenkel nach 1990 außer Landes gegangen.

Das Nidden, dass die Künstler von weit her an sich zog existiert nur noch in ihren Werken. 38 davon können wir heut präsentieren, Bilder von einer Frau und 18 männlichen Kollegen. Viele dieser Namen sind uns längst nicht mehr geläufig, allenfalls Wilhelm Eisenblätter oder auch Max Pechstein sind uns noch vertraut. Über die anderen scheint die Zeit hinweggegangen zu sein. Es ist daher Dr. Schimpke in hohem Maße zu danken, dass er das Andenken an die Niddener Künstlerkolonie mit seiner Sammlung und seinem wunderbaren Bildband wach hält.

Immer geht es dabei um die Widergabe von Landschaft, um die Arbeit der Fischer auf dem Haff und die Ansichten der Dörfer Nidden, Purwin und des Memeldeltas. Dabei sind die meisten Bilder jenseits von Idylle und heiler Welt angesiedelt. Viel mehr zeigen sie das wechselnde Gesicht des Haffs und immer wieder die groben, flachbodigen Kähne, mit denen die Fischer das Haff befuhren, ohne die Gewähr des Heimkommens.

Es war ein hartes Leben auf dem Wassern, einzig und allein auf Fischfang gerichtet, ein kärgliches Dasein zwar, aber ein Dasein in einer Lichtlandschaft, die zum Elementarsten gehört, in der sich Wasser, Sand, Himmel und Wald zu einer Einheit verbinden und noch dem eingefleischtesten Bewohner der Metropolen eine Ahnung geben vom Ewigkeitsschauer allen Seins.

Und so bietet diese Ausstellung uns nichts weniger als ein Stück eingerahmter Zeit, in der die Kurische Nehrung noch eine historische und ästhetische Einheit war, „primitiv und pittoresk“ wie Klaus Mann einmal schrieb, oder um es anders auszudrücken, einfach und bildersatt. Kein empfindsamer Mensch, kein Künstler zumal, konnte und kann sich dieses Eindrucks erwehren, über den schon Wilhelm von Humboldt schrieb: „Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll.“

Von diesem sehnsüchtig erfahrenen  Seelenzauber erzählen die Bilder dieser Ausstellung. Freuen wir uns mit den Künstlern von einst über die Größe und Schönheit von Natur und Landschaft und teilen wir mit ihnen den Respekt vor der Härte und Einfachheit des Lebens der Menschen zwischen den Wassern.

Museum Rade am Schloß Reinbek, 25. August 2013
Bernd M. Kraske