Noch einmal Marrakech

Hans Werner Geerdts, Mutter mit Kind; Acryl/Papier, 1994
Hans Werner Geerdts, Mutter mit Kind; Acryl/Papier, 1994

Sonntag, 21.9.2014
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Noch einmal Marrakesch
In memoriam Hans Werner Geerdts
Malerei und Zeichnung
Dauer der Ausstellung bis 16.11.2014

 

Dass wir heute eine Ausstellung mit Kunstwerken von Hans Werner Geerdts eröffnen können, verdanken wir einer langjährigen gedeihlichen Zusammenarbeit mit dem Künstler. Einer anfänglichen Freundschaft und Zusammenarbeit mit unserem Gründervater Rolf Italiaander folgten drei Ausstellungen im Schloss und hier im Hause, an denen Geerdts immer anwesend war, und die wir immer so terminierten, dass er den islamischen Fastenmonat Ramadan umgehen konnte. Aus dieser Zusammenarbeit erwuchs peu a peu eine Vertrautheit, die schließlich dazu führte, dass Hans Werner Geerdts der Stiftung Sammlung Rolf Italiaander/Hans Spegg seinen gesamten Bestand an eigenen Kunstwerken schon zu Lebzeiten vermachte. Unsere Aufgabe wird es sein, auch zukünftig Themenausstellungen aus seinem Oeuvre zu zeigen.

Die heutige Ausstellung des 1925 in Kiel geborenen Künstlers nimmt uns mit auf eine Reise ins tausendjährige Marrakesch, wo er gut fünfzig Jahre lebte, bis zu seinem Tod im August vorigen Jahres. Leben hieß für ihn arbeiten: malen, zeichnen und schreiben.

Nach Schulzeit, Kriegseinsatz und Gefangenschaft versuchte sich Geerdts gleich nach Kriegsende als Schauspieler an der Schleswig-Holsteinischen Landesbühne und wechselte schon bald an die Pädagogische Hochschule seiner Heimatstadt Kiel. Dem nachfolgenden Lehrerberuf blieb er nur kurze Zeit treu, und als er beamtet werden sollte, floh Geerdts zu Willi Baumeister nach Stuttgart, um bei ihm Malerei zu studieren. Als er sich 1956 auf einer Reise nach Bagdad befand, um dort dem Gilgamesch-Epos nachzuspüren, erreichte ihn die Nachricht vom Tode Baumeisters, und er beschloss, in Bagdad zu bleiben. Um sich durchzubringen, arbeitete Geerdts am Zeichenbrett, hielt Vorträge, erlernte Drucktechniken und reiste vagabundierend durch die Welt. Nach dreijährigem Zwischenspiel auf Formentera landete er schließlich in Marrakesch, das ihn nie mehr loslassen sollte.

Es ist nicht übertrieben, Geerdts einen frühen Aussteiger zu nennen. Er war einer, der sich lossagte, der sich nicht fügte ins Normenmuster unserer Zivilisation, ohne dass er diese negierte oder angriff. Er wollte lediglich frei sein dürfen, seinen eigenen Vorstellungen entsprechend leben und arbeiten, all das was ihm Spaß machte – also malen und zeichnen: Bilder von Menschen und vom Menschen. Die Quelle ständiger Inspiration lag dabei quasi vor seiner Haustür:
Djema el Fna, ein großer zentraler Platz, auf dem täglich Wahrsager, Schlangenbeschwörer, Zauberer, Magier, Geschichtenerzähler, Musiker und Akrobaten ihr Publikum um sich versammeln. Das „um sich versammeln“, die Ballung von Menschen um einen Mittelpunkt, die konzentrische Anordnung von Leibern und Figuren, das war sein Thema, hier fand Geerdts auch den Schlüssel für den kompositorischen Bau seiner Bilder. Diese stellen oftmals von höherer Warte aus dar. Man blickt auf ein Gewirr ameisengrosser Menschen, die herbeilaufen und wieder auseinanderstreben, bis sie sich wieder um einen anderen Mittelpunkt versammeln. Aneinandergereiht bilden die Zeichnungen einen dynamischen Prozess an, das konvulsivische Zucken der Natur mit ihrem Rhythmus zwischen Bewegung und Erstarrung.

Thema ist also der Mensch als Masse oder sollten wir nicht doch lieber sagen als Menge, denn es handelt sich in Geerdts Kunst eben nicht um Entindividualisierung, sondern um Beschwörung und Bestimmung des Einzelnen im Gewimmel der Vielen. Auch wenn wir auf einem Bild hunderte von Personen antreffen, jede ist von jeder verschieden. Bei äußerst genauer Betrachtung erkennt man charakteristische Details. Hier kommt einer gerannt, dort bückt sich einer, der hält den Kopf zur Seite, ein anderer scheint gerade vom Rad zu steigen, usw…. Geerdts reduziert den abgebildeten Menschen bis auf wenige, wesentliche Charakteristika. „Der originale Künstler verlässt das Bekannte und das Können. Er stößt bis zum Nullpunkt vor.“ Diese, von Willi Baumeister formulierte künstlerische Haltung, war das Credo Geerdts ´.

Die Individualität des Menschen wird von alters her im Portrait gestaltet. Das Gesicht unterscheidet und macht eindeutig. Geerdts ließ dies als bekannt hinter sich und ging radikaler vor. Was seine Menschen bestimmt und festlegt, sie charakterisiert und zu Individuen macht, sind ihre Bewegungen, die wie ein Zug, wie ein Hauch oder Hieb in der Luft hängen bleiben. Es ist der biologische Rhythmus jedes Einzelnen, der Geerdts interessierte und der auf seinen Bildern in Momentaufnahmen erstarrt, und der jeden Menschen unverwechselbar macht. Dem Künstler kam dabei zugute, dass in der maurisch islamischen Kunst die Darstellung des menschlichen Antlitzes verboten ist. Geerdts fügte sich dieser Prämisse und wurde auch dadurch als Künstler frei für die Anschauung menschlicher Dynamik.

Neben dem bildnerischen Werk, das seinen Arbeitsschwerpunkt markiert, arbeitete Geerdts auch schriftstellerisch. Seine Erzählungen, Prosaskizzen, literarische Miniaturen und autobiographischen Texte beziehen sich überwiegend auf seine Erfahrungen im marokkanischen Kultur- und Lebensraum, sind aber zum Teil auch von den vielfältigen Studienaufenthalten in Südamerika und Asien inspiriert. Literarische Arbeiten von Geerdts liegen neben deutsch auch in französischer und arabischer Sprache vor. Wie in seiner Malerei, geht es auch in seinen Texten immer wieder um die Menschen, denen er begegnete und denen er mit Neugier und Sympathie entgegentrat.

Die handwerklichen Mittel, die er bei seiner bildnerischen Arbeit anwendete, waren ebenso alt wie einfach: Rupfen, Stoff, Papier, Feder und Tusche, Kreide und wasserlösliche Farben, später gesellte sich noch Acryl hinzu. Meist reichten ihm schon schwarz und weiß, manchmal auch ergänzt durch Blau- oder Rottöne. Im Vordergrund stand aber immer die menschliche Figur, ihre Bewegung und immanente Kraft und Spannung. Sie allein waren ihm wichtig.
Neben den Bildern vom Menschen treten karge Landschaften, auf wenige Linien und Striche reduziert, schwarze Konturen, mehr nicht. Die Ansicht der Landschaft verweist dabei auf ein weiteres Thema des Geerdt´schen Schaffens, das sich in den Bergen des Atlas, in den Höhlen und Felsengängen finden lässt: Felszeichnungen von Menschen der frühesten Kultur- und Zivilisationsstufe.

Die Präsentation dieser Kunstwerke bleibt allerdings einer späteren Ausstellung vorbehalten. Die heutige dreht sich ausschließlich um Geerdts zweite Heimat, um Marrakesch und die Menschen, die dort leben.

Damit man sich ihnen auf Geerdt´sche Weise nähern kann, muss man ein Bewusstsein von ihnen haben, das weit über Zeit und Ort hinausgeht und das um ein „Schonimmer“ und ein „Nochimmer“ weiß. In Geerdts figurativen Darstellungen des Menschen wird eben dies geleistet. Sie sind Bildnisse vom Mythos des Menschlichen. Auf anmutige, leichte und auch manchmal augenzwinkernde Weise triumphiert darin das Kreatürliche über das Zivilisatorische. Hans Werner Geerdts Bilder belegen aufs Schönste und geben Zeugnis von jenem tumultuösen Fest, das wir alle und zu jeder Zeit gemeinsam feiern, und das wir Leben nennen.