Äthiopische Volkskunst

Äthiopische VolkskunstSonntag, 22.11.2015
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Äthiopische Volkskunst
Aus dem Fundus des Museums Rade
Dauer der Ausstellung bis zum 15. 2. 2016

 

Rolf Italiaander, der Gründer des Museums Rade, hatte in den 60er Jahren eine Sammlung von Äthiopischer Volkskunst zusammen gebracht, die an Umfang und Qualität zum Besten gehört, was man auf diesem Gebiet in Deutschland finden kann. Das Museum präsentiert nun einen repräsentativen Querschnitt aus dieser Sammlung.

Gezeigt werden Bildergeschichten und Heiligenlegenden, teils auf ausrasierten Ziegenfellen, teils auf Pergament gemalt. Es sind meist christliche Motive, so vor allem die immer wiederkehrende Darstellung des Drachentöters St. Georg. Auch die Heilige Dreifaltigkeit und die Geschichte der Heiligen Familie reizten die Maler zu immer neuen Bildwerken. Es wimmelt geradezu von Mönchen, Märtyrern, heiligen Männern und Verteidigern des christlichen Glaubens. Dabei geht es durchaus nicht immer sehr christlich zu. Es fließt viel Blut, vergossen auch von den missionierenden Bekehrern. Und: immer wieder sind es die Heiligen aus dem Morgenland und die Heilige Familie, die Bildgegenstand werden.

Besondere Beachtung findet dabei der Mythos von der Begegnung des Königs Salomon mit der Königin von Saba in Jerusalem, aus welcher der nachmalige große König David hervorgegangen sein soll. So wenig dies historisch haltbar ist, so sehr glaubten die Äthiopier daran, dass ihr letzter Kaiser, Haile Selassie, in direkter Linie von König David abstammte. So wie die Bilder von Regenten und Staatslenkern die Paläste, Rathäuser und Amtsstuben zieren, so gehörten die volkstümlichen Darstellungen von Salomo und der Sabäerin in die Zelte und Häuser der äthiopischen Landbevölkerung, ebenso, wir haben es bereits angedeutet, die Darstellungen vom Drachentöter St. Georg, der nach der frühen Christianisierung des Äthiopierreiches, etwa 400 nach Christus, zum Schutzpatron des Landes wurde. Viele Bilder zeigen ihn im Kampf mit der Schlange, dem Symbol des Bösen schlechthin. Der Kampf mit dem Drachen, auch der ist zu sehen, ist dagegen eine neue, abendländische Version des alten Mythos, der wohl durch europäische Missionare den Volksmythen amalgamiert wurde.

Aber auch profanere Themen aus dem Alltagsleben werden dargestellt und mit erklärenden Kurztexten in der vokalisierten amharischen Literatursprache des Landes versehen. Diese spricht, und die Bilder zeigen es, etwa vom Krieg der Äthiopier gegen die italienischen Besatzer Mitte der 30er Jahre, aber auch von der Jagd auf wilde Tiere, von Kinderspielen und der täglichen Arbeit auf dem Lande.

Mit besonderem Stolz verbreitet der einzig uns namentlich bekannte Maler, Salomon Balaccaw aus Goggam, die Ruhmesgeschichte des Doppelolympiasiegers Abebe Bikila auf einer 24teiligen Bildergeschichte. „Der Läufer des Löwen“ wie der kaiserliche Soldat genannt wurde, erlangte als Barfußläufer die Goldmedaille im Marathonlauf bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom. Spätestens als er diesen Triumph 1964 in Tokyo wiederholen konnte, war nicht nur ein nationaler Heros geboren, sondern auch der noch bis heute anhaltende Mythos von den äthiopischen Wunderläufern. Abebe Bikila wurde nach seinem zweiten Olympiasieg als erster Afrikaner übrigens „Weltsportler des Jahres“ 1964. Ein Autounfall beendete 1973 sein Leben. Er wurde nur 41 Jahre alt.

Mit solcherlei Bildergeschichten zogen die meist anonymen Maler von Ort zu Ort und verkündeten die Neuigkeiten und tradierten Geschichten in den Dörfern des Landes, dessen Bevölkerung nie die Chance hatte eine Schule besuchen zu können. Die Bildergeschichten traten an die Stelle von Zeitungen, ganz ähnlich in ihrer Funktion wie die Moritaten-Malerei im bayrisch-österreichischen Alpengebiet im ausgehenden 18. Jahrhundert. Wenige Texte in der amharischen Landessprache geben zusätzlich Hilfestellung zum Verständnis des Dargestellten.

Heute sucht man solcherlei volkstümliche Kunst in Äthiopien vergebens. Christliche Überlieferungen sind im zunehmend moslemischen Staat nicht mehr erwünscht, und auch die Erinnerung an den letzten Kaiser und seine Macht- und Prachtentfaltung gehören der Vergangenheit an. Gegenwärtig bilden die koptischen Christen mit ca. 60% der Bevölkerung die Mehrheit des Landes, doch die Moslems kamen nach der letzten Volkszählung in den 90er Jahren bereits auf 30% – Tendenz steigend.

In der Ausstellung des Museums Rade wird eine längst vergessene Welt mit Hilfe ihrer vergessenen und auch verdrängten volkstümlichen Kunst wieder lebendig. Es ist eine im allerbesten Sinne naive Kunst, ausgeübt von anonymen Bauern und Handwerkern, von der Landbevölkerung, die zu der ärmsten unsere Erde zählt. Diese Armut konnte und kann allerdings nicht den Glauben an einen mächtigen Gott zerstören, heiße er nun Christus oder Allah, und, diese Armut beeinträchtigt nicht den Stolz auf die eigene Kultur und die eigenen kreativen Möglichkeiten, die immer wieder zum Ausdruck drängen.

So gesehen sind die hier ausgestellten Bildwerke Botschaften aus einer fast vergessenen Welt, aber auch Botschaften vom Sieg des Guten über das Böse, die durchaus dazu angetan sind, auch uns in dieser durch Gewalt und Mord verfinsterten Gegenwart, uns Mut zu machen.

Bernd M. Kraske