Paul Hannes, Aquarelle

Paul Hannes, AquarellSonntag, 4.10.2015
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Paul Hannes – Aquarelle und Zeichnungen
Aus Anlaß des 90. Geburtstags des Künstlers
Dauer der Ausstellung bis 15.11.2015

 

Seit nunmehr 75 Jahren malt und zeichnet Paul Hannes Landschaften. Der Naturlandschaft gilt dabei die gleiche Liebe und Aufmerksamkeit wie auch der von Menschenhand gestaltete Landschaft, der Stadt- und Architekturlandschaft. Das kann nicht verwundern, denn Paul Hannes ist von Beruf Architekt. Das künstlerische Schaffen war ihm immer ein Quell der Freude neben dem Brotberuf, ohne aber weniger wichtig zu sein oder gar leicht genommen zu werden. Das Gegenteil ist der Fall: Architektur und Bildende Kunst sind ihm gleichrangige Wege zu einem Ziel: Zeugnis abzulegen von der Schönheit alles Natürlichen und den Werken menschlichen Schöpfergeistes.

Es handelt sich also um Landschaftsmalerei im eigentlichen und besten Sinne, um Fortführung von Tradition, um Bewahrung und um Vermittlung von Werten. Das ist durchaus unzeitgemäß, liegt keineswegs im Trend, im Gegenteil: es scheint gerade so zu sein, als seien seine Bilder als Gegenbilder zum gegenwärtigen Kunstbetrieb konzipiert, so als wollten sie sagen, ganz gleich was ihr auch bildet und macht, die Wirklichkeit ist stärker, die Wahrheit ist bei den Dingen und nicht bei den Bildern, die ihr macht.

Es liegt auf der Hand, dass Landschaftsbilder ihr Entstehen oft Reiseeindrücken verdanken. Es geht zunächst lediglich darum, Erlebtes und Geschautes für sich selbst festzuhalten. Das Motiv wird vor Ort meist in Tusche oder Filzstift skizzierend festgehalten und dann im heimischen Atelier in Bad Oldesloe in freier Farbwahl ausgeführt, wobei die Farbe zunächst aufgetragen wird und danach mit der Feder hinein gezeichnet wird. Diese „Federaquarelle“ sind seit Jahren das künstlerische Aushängeschild von Paul Hannes. Auf solche Weise liefert er nicht das Abbild, sondern sein Bild eines Ortes, einer Landschaft mit deren Aura und Geist wie sie ihm begegneten.

Natürlich ist das nicht jedem gegeben. Um Künstler zu sein, muss man die nötige Aufmerksamkeit und Offenheit für das natürlich Gegebene mitbringen, man muss bereit sein das Dasein zu akzeptieren, so wie es ist. Hannes Bilder vermitteln genau diese Haltung. Und sie nähern sich ihrem Gegenstand auf behutsame, leise, aber präzise Weise. Egal ob als Bleistift-, Tusch- oder Filzstiftzeichnung, oder, wie in dieser Ausstellung, als Aquarell, Hannes gibt äußerst klare und deutlich lesbare Bilder von Landschaften und von den Spuren, welche die Menschen in ihnen hinterlassen haben.

Während seines gesamten Lebens und in seiner gesamten Produktion ist es Hannes nie darum gegangen zu überzeugen, zu argumentieren, schon gar nicht weltverbesserische Ansichten und Besserwissereien zu postulieren. Er machte sich mit keiner Modeströmung gemein, und er schielte nie nach Markt und veröffentlichter Meinung. Er wollte Architekt und Maler sein und sonst nichts, und er blieb dieser Linie treu.

Der Anfang seiner künstlerischen Produktion reicht zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, den Hannes als Soldat erlebte. Erste Bleistift- und Tuschzeichnungen entstehen, darauf ernst blickende Menschen und Tiere, Totenschädel und auch schon Häuser und Städte im Dürer´schen Duktus gezeichnet. (Beispiele davon finden Sie im begleitenden Werkkatalog.) Es scheinen Bilder der Vergänglichkeit zu sein, der Zeitfolie ihres Entstehens abgezogen, Standortbestimmungen einer nach selbstbewusster Identität suchenden Persönlichkeit.

Bald schon in den 50er Jahren ist der Stil gesichert und ausgeprägt, sind die Sujets eindeutig und klar. Die Technik wird unaufdringlich beherrscht, kleinformatige Tuschzeichnungen herrschen zunächst vor, bald aber kommt Farbe ins Spiel, zunächst als pures Aquarell auf der Grenze zur Gouache und schließlich die „Federaquarelle“, die bis heute in Hannes Kunst dominieren.

Diese bewegen sich im Laufe der Jahre immer mehr in Richtung Abstraktion. Das fertige, ausgemalte Bild wird immer seltener. Weglassungen und Aussparungen kommen  häufiger vor, die Konzentration aufs Wesentliche, auch aufs Fragmentarische durch Vereinfachung und Entfernung alles überflüssigen Gepräges wird zunehmend deutlich. Im selben Maße verlieren die Bildgegenstände an Konkretion. Eindeutig zu benennende Landschaften und Orte werden aufgegeben zugunsten gegenstandsloser, unwirklich-fantastischer Kreationen; einem höchst kultivierten Geflirr aus farbigen Kleinstflächen und netzartig darüber geworfenen Linien. Und so kommen Hannes Bilder ganz bewusst ohne Titel aus.

Immer herrscht in Hannes Schaffen Ordnung und Disziplin, aber der Bewegungsspielraum ist mit den Jahren größer geworden, das entstehende Kunstwerk behauptet zunehmend seine individuelle Freiheit und Souveränität, und sein Maler lässt sich ein auf dieses Spiel. Paul Hannes hat als Künstler die Stufe erreicht, auf der Intention und Kondition sich treffen und miteinander verbinden. Die daraus sich entfaltenden Kunstwerke zeugen vom harmonischen Einklang zwischen Natur und Mensch. Das eine überwiegt und bezwingt nicht das andere, sondern jedes Sujet ist von gleicher Bedeutung und Wichtigkeit. Menschenwerk und Natur werden nicht als denkbare Gegensätze verstanden, sondern als Werte an sich. Jedem der einzelnen Themen und Motiven gilt die gleiche ungeteilte Aufmerksamkeit und Liebe ihres Malers. Und so begegnet uns eine Künstlerschaft, die fern aller Spekulation und Absicht ein einziges Ziel verfolgt: Zeugnis abzulegen von der Schönheit unserer Welt. Heitere Gelassenheit und lebensfrohe Orientierung sowie Freude an Formen und Farben spiegeln sich im Werk von Paul Hannes auf´s schönste wieder.

Museum Rade am Schloss Reinbek
Bernd M. Kraske

Farbe bekennen

Theilacker, Lucca
Hans Theilacker: Lucca, 2001

Sonntag, 23.2.2014
16 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Farbe bekennen
Malerei von Hans Theilacker
Dauer der Ausstellung bis 6.4.2014

Die Ausstellung mit Aquarellen von Hans Theilacker entführt uns Besucher in die großflächige Weite Norddeutschlands, mit dem niedrigen Himmel darüber, an die Meeresküsten, wolkenüberflaggt und an die Elbe, in den Hamburger Hafen zumal, ebenso wie in den überblauten Wonnesüden, nach Spanien und Italien, und sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf blühende Bukette und Blumenfelder. Eine schöne, eine heile, eine unversehrte Welt also, die uns in diesen Bildern entgegentritt? Ich denke ja – in jedem Fall eine Welt, in der natürliche Gegebenheiten als Wert an sich begriffen und bejaht werden. Hier wird nicht mit dem Pinsel karikiert, persifliert, zergliedert oder gar entstellt, sondern abgebildet – nicht im photographisch exakten Sinn einer Momentaufnahme – vielmehr im künstlerischen Sinn, das Ungeschaute nämlich sichtbar zu machen.

Der in Heidelberg geborene Grafiker und Maler lebt und arbeitet, will heißen: malt, seit 1975 in Oststeinbek am Stadtrand von Hamburg, ganz in unserer Nähe also. Schon während der Schulzeit wurde er zu engagiertem Malen angehalten. Sein Mentor Hermann Metz weihte ihn in den professionellen Umgang mit Farbe, Pinsel und Leinwand ein, so dass Hans Theilacker sich noch vor der Währungsreform für die Ausbildung zum Werbegrafiker entscheiden konnte. Über viele Jahre konnte er auf dem Gebiet der kreativen Werbung einen sehr erfolgreichen Weg gehen, den er schließlich als Kataloggestalter und Art Director beim größten deutschen Versandhausunternehmen abschloss. Überhaupt: Hans Theilacker gilt in Kennerkreisen als der Vater und Erfinder des Versandkatalogs.

Durch all die vielen Berufsjahre hindurch verlor er allerdings ein Ziel nicht aus den Augen: seiner Lieblingsbeschäftigung, der Malerei, uneingeschränkt nachgehen zu dürfen. Seit 1988 selbständig arbeitend, entwickelte er das Aquarell zu seiner bevorzugten Maltechnik. Sie gibt ihm die Möglichkeit, Farbintensität und Subtilität gleichermaßen auszudrücken und das oft in fließenden Farbübergängen.

Schon 1993 trat er mit einer ersten Ausstellung hier im Museum Rade hervor, die damals schon den Titel „Farbe bekennen“ trug. Weitere Werkschauen folgten hier und auch gegenüber im Schloss Reinbek.

Die Aquarelle dieser Ausstellung zeigen auch, dass Hans Theilacker ein weit gereister Mann ist, der immer einen Skizzenblock mit sich führt, um vor der Natur seine Eindrücke flüchtig aber gekonnt festzuhalten. Mit Kohle oder Filzstift gibt er der Skizze Halt und Umriss, mit Aquarellfarbe wird der unmittelbare Eindruck festgehalten und bereits überhöht. Nur für das Wichtige, das sinnlich Erregende ist da Platz auf dem Skizzenblock. Das ist bereits ein künstlerischer Vorgang, der Status nascendi des Kunstwerks, denn es handelt sich um Auswahl, um subjektive Wahrnehmung und Verarbeitung von Berührtheit und – im Fall von Hans Theilacker – um Widerspiegelung innerer Freude.

Nur solcherlei Skizze ist tauglich, im heimischen Atelier in Oststeinbek als Vorlage zu dienen, wenn es darum geht, das Motiv aufzugreifen und im Großformat auszuführen. Man kann gerade in dieser Ausstellung gut verfolgen, wie der Künstler über den Reisenden sich hinwegsetzt. Die Skizze ist oftmals näher an der Wirklichkeit; aber was kümmert das den Künstler? Um Spannung zu erzeugen und Ästhetik zu präludieren werden Farben geändert oder Linien, eine Halbinsel greift weiter ins Wasser als ursprünglich festgehalten, und die saubere Linie des Horizonts wird durch ein blakendes Segel zertrennt. Der Kompositorik fällt die Exaktheit zum Opfer.

Wo andere Maler auf den Erinnerungswert von Urlaubsfotos oder gar Postkarten vertrauen, um abmalend ihr Werk zu schaffen, nach zu schaffen, verlässt sich Hans Theilacker ganz auf sich selbst. Nicht ums Abbild ist es ihm zu tun, sondern ums Bild. Das Foto gibt Realität wider, oft sogar von fremder Hand eingefangen, das subjektiv erschaute und erschaffene Bild dagegen zeigt die Wahrheit eines Ortes, einer Landschaft als Stimmung und Atmosphäre. Diese sind immer bei der Kunst, selten nur bei der Wirklichkeit.

Nur was an Naturbeobachtung und Sinneseindruck in sein Inneres vordringt, ist wert Thema und Bildgegenstand der Malerei zu sein. So besteht für den Künstler auch folgerichtig die Wirkung seiner Kunstwerke auf die Beschauer in den     Emotionen, die sie auslösen. Es geht Hans Theilacker nicht darum, den festlichen Augenblick und außergewöhnliche Situationen in seiner Malerei festzuhalten. An die Stelle des Besonderen tritt das Wesentliche, Bleibende, Immerwährende – das Typische also.

Die uns umgebende Naturlandschaft ist also Gegenstand dieser Bilder, die kreatürliche Welt in ihrer Überzeitlichkeit. Der Mensch fehlt auf den Naturbildern, er ist nicht Gegenstand der Abbildung. Zum Gegenstand wird wird er aber zusätzlich in dieser Ausstellung. Sechs große Tableaus zeigen weibliche Antlitze in den verschiedensten Gemütslagen. Es ist ein mutiger Versuch, mittels wasserlöslicher Farben, das Gesicht des Menschen darzustellen. Auch hier geht es darum, Typisches an die Stelle des Individuellen zu setzen. Angst, Stolz, Verzagtheit, Bangigkeit, und Rückbesinnung oder nervöse Spannung sind solche Gemütszustände, die wir alle kennen und die uns aus den Physiognomien der Frauen und Mädchen entgegen schauen.

Wir haben es gesagt: Hans Theilacker hat für große Versandhäuser als Grafiker gearbeitet, als so genannter Gebrauchsgrafiker also und dabei niemals das Verlangen nach der freien, der ungebundenen Kunst aufgegeben. Besonders in der Landschaftsmalerei fand er das befreiende künstlerische Pendant zur angewandten kunsthandwerklichen Tagespraxis.

Das Arbeiten mit wasserlöslichen Farben ist sein wichtigstes künstlerisches Metier und Ausdrucksmittel. Ihm widmet er seine ganze Aufmerksamkeit und wird darüber nicht müde, zu experimentieren und zu probieren. Da fließen die Farben direkt ineinander – nass in nass gemalt – Verläufe, Verfliessungen, auch Übermalungen kommen vor wie auch die äußerst difizielen Weißaussparungen. Hierbei erweist sich die Meisterschaft im Handwerk. Jeder Pinselstrich muss auf Anhieb sitzen, sonst ist das Blatt verdorben, ein Neuanfang unumgänglich.

Die Farben Hans Theilackers erinnern an die des Expressionismus und führen wie damals ein Eigenleben, und es scheint mir nicht übertrieben zu sein, diesen Farben einen eigenen immanenten Gestaltwert zu zu erkennen. Die Form tritt manchmal dahinter zurück, ohne jedoch unwichtig zu werden. Scharfe Konturen fehlen meist und manchmal löst sich jede Form auf in eine Art Farbenspiel. Das lässt natürlich kein Erkennen im realen Sinn mehr zu, wohl aber eine dem Erkennen zugrunde liegende Substanz. Der Maler fordert uns hier Seh-Arbeit ab, und er konfrontiert uns mit der eigenen Phantasie – der unsrigen nämlich. Die Anschauungsformen der bildhaften Vorstellung, Form und in vorliegenden Fall noch mehr die Farbe, sind aus der objektiven Kontrolle, das heiß aus der Kontrolle am Objekt entlassen und beanspruchen in der Darstellung ihren unvorhergesehenen Rang. Diese vom allgemein verbindlichen Sehen befreiten Bestandteile vermag Hans Theilacker in eine neue Ordnung zu fügen, in eine Poetik der Farben und des malerischen Ausdrucks.

Kein Zweifel, die hier ausgestellten Bilder führen den Blick zurück auf das Konkrete in der Kunst. Vielleicht, dass der eine oder andere Beschauer beim Betrachten dieser Aquarelle etwas längst vergessen Geglaubtes in dieser Ausstellung wieder findet: Natur und Landschaft als Schönheit und Größe, dazu angetan, unser aller Leben zu bereichern. Hans Theilacker ist ein in die Malerei entlaufener Poet, ein Geschichtenerzähler und Fabulierer ohne Worte. In seinen Bildern erzählt er auf ungekünstelte aber eindringliche Art und Weise von den naturgegebenen Dingen des Seins und von der Freude über ihre Existenz. Dass sich etwas von dieser Freude auf Sie alle übertragen möge, wünsche ich Ihnen zum Beschluss. Feiern wir gemeinsam ein Fest der Farben und des Schauens, ein Fest des Lebens selbst.

Bernd M. Kraske