Bilder von Rolf Zander

Zander, Gewitter
Balje – Gewitter; Aquarel o.J.

Sonntag, 17.4.2016
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Haupt- und Nebenwege
Bilder von Rolf Zander
Dauer der Ausstellung bis 26. Juni 2016

 

Es war ziemlich genau vor einem Jahr, hier im Museum Rade, als ich Rolf Zander zum ersten Mal begegnete. Anlass war die Eröffnung der Ausstellung mit Werken des Danziger Malers Bruno Paetsch. Nach Zanders Aussage war der sein erster richtiger Lehrmeister. Bei ihm konnte sich entfalten, was schon seit frühester Kindheit angelegt war: das Talent zu künstlerischen Tun.

„Kann schon recht ordentlich malen“ stand 1940 unter dem ersten Zeugnis des Schülers Rolf Zander. Der künstlerische Lebensweg  des gebürtigen Hamburger Malers vom Jahrgang 1934 zeichnete sich somit schon früh ab.  Bruno Paetsch also, den es nach dem Krieg nach Hamburg verschlagen hatte, nahm sich seiner an, und unterrichtete ihn im künstlerischen Handwerk. Die Malnachmittage bei seinem Lehrer waren prägend für den jungen Mann, und noch heute erinnert sich Rolf Zander gerne daran. Was folgte, war ein Studium an der Landeskunstschule und ein Zweitstudium der Germanistik an der Universität seiner Heimatstadt. Es schloss sich eine Zeit als Kunsterzieher an Gymnasien an, bis er 1973 als Lehrer für Kunstpädagogik an die Hamburger Hochschule für Bildende Künste berufen wurde.

In all den Jahren hat Rolf Zander ein Werk geschaffen, das alle Techniken des künstlerischen Gestaltens umfasst. Er ist nie müde geworden, neues Terrain zu erkunden, scheute sich aber auch nicht in Spuren zu gehen, wenn es beispielsweise darum ging, sich in der Technik des Holzschnitts auszudrücken. Radierungen, Aquarelle, Zeichnungen mit Graphit oder Ölkreiden, Mischtechniken und Gouachen, Ölbilder, Collagen  und Objekte, alles das gehört zu den Ausdrucksformen Zanders, lebenslang erprobt und zur Meisterschaft gebracht.

Seine Bilder kommen leise daher, unaufdringlich und oftmals einfach lesbar, dabei sind sie von expressiver Kraft und Farbigkeit und einem Formen- und Themenreichtum, hinter dem die Leidenschaft sichtbar wird, die bis heute die Person Rolf Zander beim künstlerischen Tun festhält.

Die Ausstellung hier im Museum Rade zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus diesem Schaffen. Es sind vor allem Landschaften, zu Hause, wie auf vielen Reisen gewonnene bildhafte Eindrücke, die ihn zum Werk anregten.

So nimmt uns Rolf Zander beispielsweise mit auf eine Reise nach Litauen, auf die Kurische Nehrung, dieses einmalige Naturwunder, das schon seit der vorletzten Jahrhundertwende immer wieder Maler angelockt hat. Die große Düne mit dem Blick auf zwei Meere, die Sahara des Nordens mit dem vom Wind gefächelten spärlichen Bewuchs, das großartige Farbenspiel unter schnell ziehenden Wolken; das alles hinterlässt Spuren im Gemüt der Menschen, und man muss nicht unbedingt Maler sein, um diese Bilder im Inneren zu bewahren. Den Künstler aber drängen diese Bilder zum Ausdruck, zur Befestigung des Gesehenen und Erlebten.

Und wir reisen weiter, ins Gebirge nach Hirschegg, zu den alpinen  Steilwänden, schroff und nebelverhangen. Eine Zauberbergszenerie tut sich auf und wird eingesammelt wie auch die Bilder aus dem Osten, aus Polen und der Ukraine aber auch solche aus Umbrien etwa, und aus karibischen Gefilden. Häufig geht es ums Meer, um Häfen wie sie der begeisterte Segler Rolf Zander überall in der Welt kennengelernt hat. Es sind gemalte Tagebuchblätter, meist mit Ortsangaben und exaktem Datum versehen, so als wolle der Maler seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Was wir meist an Photographien aus unseren Urlaubsparadiesen mit nach Hause bringen, sind bunte Abbilder zum Vorzeigen und Einkleben. Sie markieren eine eng gefasste Wirklichkeit; die Aura eines Ortes, einer Landschaft ist aber solchermaßen nicht herstellbar. Da hat es der Maler besser. Er liefert nicht das Abbild eines Ortes, sondern sein Bild, in welchem Erinnerungen an Menschen, Bilder, Begegnungen, Düfte und Geräusche mit gemalt sind. Da blitzt die subjektive Wahrheit hinter der Wirklichkeit auf, und erhebt das Bild zum Kunstwerk.

Aber Zanders Reisen müssen nicht immer ins Große und Weite gehen, die Landschaft daheim, Hamburg und sein Umland, der private Rückzugsort über so viele Jahre, das Örtchen Balje nämlich, sind ihm besonders lieb und wert und werden zu Bildmotiven. Und so folgen wir ihm an die Elbdeiche, zu den  Kuhlen in Balje, mit dem drohenden Gewitter am Firmament, zu den Wiesen mit den glücklich aussehenden Kühen und zu Nachbar Eduards Schuppen.

Zusätzlich zu seinen Reisebildern zeigt uns Rolf Zander eine Auswahl von Stilleben, in meist grau gehaltener, oftmals duffer Farbigkeit. Klassisch geordnet liegen Früchte auf einem Tisch vor einer Vase mit üppigem Blumenflor und dahinter stehendem erblindetem Spiegel; oder er versammelt runde und ovale Formen nebeneinander, Becher, Flaschen, Dreiecke, Röhren und Ähnliches. Manchmal sind sie in ein Regal gestellt, unordentlich geordnet die Überfülle der Formen und Farben. Die Stilleben haben nichts von Morandis Strenge, viel eher kommen sie ganz wahllos daher, so wie Dinge sich alleine und absichtslos zueinander finden. Zander gibt den Dingen ein Gesicht, löst sie aus der Unbedachtheit alltäglichen Gebrauchs und umgibt sie mit individueller Eigenheit und Stärke.

Es ist eine Kunst, die sich in Ruhe ausspricht, die nicht nach Markt und Moden schielt, sondern sich selbst genügt. Dabei ist sie von einer raffinierten Bescheidenheit, die den Blick festhält und neugierig macht auf das, was mit all dem angesammelten Gut wohl geschehen mag. Die hier zu sehenden Gegenstände sind durch Gebrauch geadelt, nicht mehr und nicht weniger, und darum schon sind sie es wert Bildgegenstand zu werden. Damit aber wird der Blick zurück gelenkt auf unseren Alltag, den wir meist unbewusst dahin leben, eben weil er ein Alltag ist.

Anfangs habe ich gesagt, dass Rolf Zander auch Germanistik studiert hat. Seine Liebe zur Literatur, zur Uneindeutigkeit menschlicher Wahrnehmung und zur raunenden Beschwörung des Lebens haben ihm viele Impulse für sein künstlerisches Schaffen gegeben. Gedichte können solche Impulsgeber sein,      etwa die des Frühexpressionisten Georg Heym, die den Maler zu großformatigen Holzschnitten angeregt haben, wie sie in dieser Ausstellung zu sehen sind. Ihnen hat die Autorin Maike Bruhns einen eigenen Katalog gewidmet, der rechtzeitig zu dieser Ausstellung erschienen ist. Darin erinnert sie noch einmal an den tragischen Tod der beiden Freunde Georg Heym und Ernst Balcke, die am 16. Januar 1912 beim Schlittschuhlaufen auf der Berliner Havel eingebrochen und ertrunken sind.

Rolf Zander vermischt in seinen großformatigen Holzschnitten eigene lustvolle Erinnerungsbilder an die Jugendzeit als begeisterter Schlittschuhläufer mit den grausigen Phantasien über den Tod im Eis der beiden Freunde. Wir blicken auf ein Gewimmel von Figuren und Dingsymbolen, auf Nachtgestalten und Maskentreiben, auf eine groteske Comédie humaine; nicht ganz geheuer diese Gesellschaft von verjährter Nervenexzentrizität, die bereits gezeichnet zu sein scheint vom kommenden Untergang in den Stahlgewittern des nahen Krieges. In den Gedichten des jungen Heym scheint all dies auf, ist zum greifen nahe und in ungeheuer steilen und eindrücklichen Sprachbildern vor uns hingestellt. Seit Ernst Ludwig Kirchners Holzschnitte zu Heyms nachgelassenem Gedichtband „Umbra Vitae“ von 1924 kenne ich keine treffenderen, so ins Innere des Heym´schen Kosmos dringenden Illustrationen, wie die hier zu sehenden Holzschnitte von Rolf Zander.

Haupt- und Nebenwege hat Rolf Zander seine Ausstellung überschrieben.  Entscheiden Sie, unser Publikum, was für Sie Haupt- und was für Sie Nebenwege sind. Diese Titelgebung evoziert einen Unterschied, der aber nicht wirklich existiert. Für den Künstler sind es durchaus gleichwertige Wege zu dem einen Ziel, im künstlerischen Werk nämlich Gestalt zu erlangen und diese in unserem Bewusstsein zu befestigen.

Museum Rade am Schloss Reinbek, 17. April 2016
Bernd M. Kraske

Katrin Zimmer – Neue Bilder

Katrin Zimmer, Büsum
Büsum

Sonntag, 21.2.2016
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Katrin Zimmer – Neue Bilder
Dauer der Ausstellung bis 10. April 2016

 

Katrin Zimmers Ausstellung mit dem schlichten Titel „Neue Bilder“ lädt ein zu einer Reise ins Land der Phantasie, ins Land auch der Formen und Farben, auf eine Reise zu erdachten und erinnerten Orten. Und diese Ausstellung zeigt unverhohlen die Freude und die Lust am Gestalten, mit Formen, Materialien und Farben sich beschäftigen zu dürfen. Sich beinahe auflösende expressive Farben und Formen führt uns die Künstlerin vor, die ganz auf Gegensätze gestellt sind; auf den Gegensatz etwa von Fläche und Linie, von Hell und Dunkel, von Harmonie und Chaos, von Ruhe und Erregung, von Offenbarung und Verschlüsselung. Die häufige Verwendung von Komplementärfarben verstärkt diesen Eindruck und macht gleichzeitig deutlich, worum es Katrin Zimmer geht. In ihrer Malerei feiert sie ein Fest der Farben, das zu aller erst; ein Fest der Malerei, die sich selbst genügt, ohne spekulative Absicht, ohne Umdeutung und Umwertung, ohne den Versuch, den Dingen und den Bildern, die sie sich davon macht, Wirklichkeiten beizulegen, die sie nicht haben. Landschaft, Interieurs, Architektur und Menschen nimmt sie so, wie sie sie sieht, reduziert sie auf meist einfache, deutlich lesbare Formen  und macht sich so ein Bild, ohne im Abbildhaften lang zu verweilen.

 Katrin Zimmer stammt aus Lübeck, ging nach der Schulzeit nach Braunschweig, um bei Alfred Winter-Rust Malerei zu studieren. Seit Jahren wohnt sie im benachbarten Aumühle und kann mittlerweile auf eine Reihe von Ausstellungen, Einzel- und auch Gruppenausstellungen, zurück blicken. Und: sie hat Sammler ihrer Bilder gefunden, ein Glücksfall für eine Künstlerin, die von ihrer Arbeit leben will.

 Was uns allen direkt ins Auge springt, ist die starke Farbigkeit ihrer Bilder. „Farben“, so hat es der Bescheidwisser von Weimar, Johann Wolfgang von Goethe, gesagt, „sind Freuden und Leiden des Lichts“. Bei Katrin Zimmer darf unbedingt davon die Rede sein, besonders die, von der Freude des Lichts. Sie gibt den Farben ihre ureigenste Bedeutung zurück und verweist auf ihre Aufgabe, nämlich Dienerin der Kunst zu sein. Und: Frau Zimmer zeigt uns in ihrer Ausstellung klar und sehr deutlich, dass Farben nicht nur Mittel zum Kunstwerk sind, sondern durchaus eigenen Gestaltwert beanspruchen dürfen. Eitempera ist ihr bevorzugtes Malmaterial, aber auch Ölkreiden, Gouachen und Zeichnungen mit Fineliner kommen in dieser Ausstellung vor.

 Da ihr das Malen an sich das wichtigste ist, kommt das Motiv, welches es darzustellen gilt, erst an zweiter Stelle. Es handelt sich dabei oftmals um wenig spektakuläre Alltagsszenen aus unserer Erfahrungswelt, oftmals um reine Erfindungen und Vorstellungen von Dingen und Gegenden, niemals in Wirklichkeit geschaut, doch oftmals erträumt und erwünscht. Solch ein Sehnsuchtsort ist das Café, ganz egal ob in Paris, Wien oder Hamburg. Immer sind es dicht bevölkerte Innenräume, Menschen an Tischen oder im Vorübergehen, eine Kellnerin huscht durch die Szene, mit gefülltem Tablett und weißer Schürze. Um sie spielt ein bewegtes Netzwerk von Farben, harmonisch aufeinander abgestuft. Diese Farben, diese Eleganz, diese ruhige Freude und Gelassenheit, diese Souveränität machen das Caféhaus zum Lieblingsort der Künstlerin. Ein ähnlicher Ort ist der Circus, auch das Theaterbistro; Freude, Erwartung, Genuss und Staunen mischen sich ineinander. Sie zeigt uns aber nicht was in der Manege oder auf der Bühne geschieht. Katrin Zimmer rechnet mit unserem Wissen und baut auf unsere Erfahrung an diesen Orten. Da es ihr auf das Sujet erst in zweiter Linie zu tun ist, legt sie eine Art Schleier über ihre Bilder, bricht sie die Stärke und Eindeutigkeiten ihrer Motive und setzt an ihre Stelle Erfahrung, Erinnerung, Gefühl für Orte und Dinge. Was so erreicht wird, ist eine gelöste Stimmung und Heiterkeit, die sich als atmosphärisch Dichtes und Ganzes offenbart.

Ein treffendes Beispiel hierfür ist das Bild „Strandkorb“. Sand, Himmel, ein zurück geklappter Strandkorb, drei Menschen im Badedress oder zumindest sommerlich leicht bekleidet, all das haben wir auf einen Blick beieinander, ohne dass auch nur ein Detail gewissenhaft genau ausgeführt ist. Es reicht die Andeutung, und schon sind wir eingefangen in die sommerliche Atmosphäre eines blau überstrahlten Strand- und Badetages und wissen doch rein gar nichts vom wer, wo und wann.

 Auch auf dem „Maiwald“ betitelten Bild wissen wir nicht, wo die im frischen Grün sich reckenden Bäume stehen. Sie sind da und es sieht so aus, als freuten sie sich zusammen mit ihrer Malerin über ihr Dasein.

 Auch wenn einmal, wie auf dem Bild „Rügen“, ein Ort konkret benannt ist, geht es nicht um erkennen, eher um erinnern oder um bildhafte Ahnung von der Insel. Eingefangen ist ein Küstenstrich, steil ansteigend, menschenleer dabei und getaucht ins diffuse Licht einer nicht benennbaren Tages- und Jahreszeit. So stellt sich die Malerin Rügen vor, und es interessiert sie nicht, ob wir die Szenerie wiedererkennen oder nicht. An die Stelle nachprüfbarer Orte stellt sie uns ihr Bild davon. In der Verweigerung des konkreten Abbildes wird eine Position deutlich, die beinahe kindlich scheu und staunend in sich hineinhorcht, hineinsieht und dabei Dinge entdeckt, Landschaften, Menschen, Gerüche, Geräusche, Bilder von einst, die nichts anderes sind als verschüttetes Leben und verschattetes Dasein.

 Katrin Zimmer malt Orte und Szenen voller Heiterkeit, voller Rausch, voller Gelöstheit und Staunen. Wir erkennen sie als solche, ohne aber konkrete Situationen zu erkennen. Diese sind allenfalls in unserer Erinnerung gespeichert, sind an unsere Erfahrungen und Begegnungen geknüpft. Katrin Zimmer stößt mit ihrer Malerei etwas in uns an, das wir längst schon kennen, weil wir es erfahren, erlebt, gesehen haben, und dessen diffuses Bild sich vor dem Angesicht ihrer Bildwerke zu klären beginnt. Der so erreichte Schwebezustand ist der zwischen der Welt des Wirklichen und der Welt der Kunst, als einer in Tiefen liegenden, meist verschütteten aber nicht weg zu leugnenden Wahrheit.

Museum Rade Reinbek, 21. Februar 2016
Bernd M. Kraske