Aus dem Fundus Museum Rade

Oskar Kokoschka: Clowns in der Manege, Farblithographie, o.J.
Oskar Kokoschka: Clowns in der Manege, Farblithographie, o.J.

Sonntag, 23.11.2014
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Meisterwerke aus dem Fundus des Museums
Dauer der Ausstellung bis 15.2.2015

 

Das Museum Rade ist einer interessierten Öffentlichkeit bekannt als Forum volkstümlicher Künste. Kunstwerke aus allen Teilen der Erde sind hier zu sehen, teils ruralen Ursprungs, teils entstanden aus der naiven Freude am künstlerischen Tun. Doch auch Werke von namhaften Meistern der Bildenden Kunst haben in diesem Haus ihren Platz gefunden. Und: einmal jährlich zeigt das Museum Kunstwerke aus seinem Fundus. In diesem Winter sind es solche Werke von Meisterhand, MeisterWerke eben.

Gezeigt werden Aquarelle,  Zeichnungen in  Kreide und Graphit, Pastelle, Bilder in Öl und Tempera, Lithographien, Holzschnitte und Plastiken, insgesamt 49 Exponate von 38 KünstlerInnen. Internationale Namen von Weltrang sind darunter: Henri Matisse, Pablo Picasso und Paul René Gauguin der Enkel des Südseemalers; Frans Masereel, Hans Arp und Max Bill, um nur diese zu nennen, aber auch deutsche Künstler von herausragendem Ruf, angefangen beim Altmeister Ludwig von Hofmann über den Expressionisten Ludwig Meidner, über Oskar Kokoschka, bis hin zur Schöpferin des berühmten Berliner Bären Renée Sintenis. Die Hamburger Künstlerschaft spielt dazu eine ganz große Rolle, insbesondere die Künstler der „Hamburgischen Secession“. Namen wie Ivo Hauptmann, Fritz Kronenberg, Eduard Bargheer, Gustav Seitz, Alfred Mahlau, Hans Leip und Gerhard Marcks wären hier stellvertretend zu nennen.

Die Lebensläufe der meisten hier ausgestellten bildenden Künstler reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Ihre Kunstwerke sind häufig in der Zeit des Aufbruchs zur Nachkriegsmoderne entstanden, sind somit Zeugnisse einer Zwischenzeit, mitunter noch ganz der tradierten bildenden Kunst verschrieben, die das Abbild des Menschen und die ihn umgebende Welt zum Thema hat. Die Natur, so wussten die Künstler von alters her, hat alle Formen schon hervorgebracht, noch bevor der Mensch ihr seinen Willen aufzwingen konnte. Sie ist die große Schöpferin allen Lebens, mit der menschlichen Figur an der Spitze, und sie ist die Hürde, die der Künstler zu nehmen hat, will er in seiner Kunst authentisch sein. So bleiben in dieser Ausstellung die Kunstwerke dem Gegenstand verbunden und dem Maß der menschlichen Proportion. Damit stellt sich eine Leichtigkeit, Anmut und Harmonie ein, der man sich gerne anvertraut.
Eine allmähliche, sehr behutsame Hinwendung zur gegenstandslosen abstrakten Kunst ist dennoch ansatzweise erkennbar, ohne dass das Informelle schon in Erscheinung tritt. Dagegen werden Geschichten erzählt; Geschichten vom Menschen und ihrem Tun. Portraits und Akte dominieren, Szenen im Garten, im Circus, in Parks und Uferlandschaften stehen im Mittelpunkt; alles in allem eine heile Welt, von der berichtet wird, eine Welt dazu angetan, die Schrecken der beiden großen Kriege vergessen zu machen, die beinahe alle KünstlerInnen dieser Ausstellung miterleben mussten.

Und: die Zeitgebundenheit der Lebensläufe, hat natürlich auch mit dem Sammler Rolf Italiaander zu tun und seiner Lebenszeit von 1913 bis 1991. Etliche dieser Kunstwerke sind ihm, dem Gründer des Museums Rade, gewidmet. Auf seinen vielen Reisen hat er immer wieder Künstler in ihren Ateliers aufgesucht und dabei oftmals Freundschaften begründet. Als Ständiger Sekretär der Freien Akademie der Künste in Hamburg unterhielt er darüber hinaus häufig freundschaftlichen Kontakt zu den bildenden Künstlern der Hansestadt. Viele von ihnen hatte er schon in den Vorkriegsjahren  in Berlin oder auch in seiner Heimatstadt Leipzig kennen gelernt und  für manche von ihnen nach dem Krieg  Ausstellungen organisiert und ihnen mitunter Künstlermonographien gewidmet. Ganz nebenbei entstand so eine Sammlung meisterhafter Werke nationaler und internationaler Künstlerpersönlichkeiten von Rang.

Für Rolf Italiaander war die bildende Kunst – wie überhaupt alle Kunst – ein Mittel der Völkerverständigung. Ihm ging es darum, Künstler und ihre Werke vorzustellen, besonders die außereuropäischen Kulturen, Religionen und Ethnien bekannt zu machen. Es galt ihm, Vorurteile abzubauen, Fehleinschätzungen zu korrigieren, Verständnis zu wecken; so die zentralen Anliegen des Reiseschriftstellers und Völkerkundlers Rolf Italiaander. Dieses Anliegen hat er in Form des Museums Rade der Nachwelt überliefert. Seinem Anliegen und seinem  Anspruch fühlt sich unsere Arbeit hier im Reinbeker Museum verpflichtet.

Mit diesem Versprechen könnte ich meine kurze Einführung eigentlich enden, da es ohnedies nicht möglich ist zu jeder und jedem der hier ausgestellten KünstlerInnen detailliert Stellung zu nehmen. Aber ich will der Versuchung nachgeben und noch einiges, wie ich denke, Wesentliches ins Gedächtnis rufen. Eine Ausstellung wie die, welche wir heute präsentieren können, ist ein wichtiger Teil unseres kulturellen Umfelds. Und: Kultur ist und bleibt nichts weniger als die tragende Geistesverfassung und Werteeinstellung eines Volkes und einer Gesellschaft durch die Zeiten hinweg. In ihr verbinden sich Tradition und Bildung zur Einheit menschlicher Gesittung. Sie ist ein zutiefst humanes Mittel der Orientierung und Sinngebung. Sie ist recht eigentlich die Mitte des Humanen und somit aller Demokratie. So sehr sie jede Ideologie ablehnt, so sehr fördert und fordert sie Utopie und Phantasie. Ein Ort aber, an welchem Phantasie und Utopie erlebbare Wirklichkeit werden, ist das Museum, wo man dem schöpferischen Geist im Kunstwerk begegnen kann.

Gerade vor dem Hintergrund eines sich immer schneller vollziehenden Wandels in den Bereichen Wirtschaft, Technik, Gesellschaft, Politik und sozialer Fürsorge tragen Kunst und Kultur zur Sinngebung und Lebensbereicherung des Einzelnen bei. Sie sind damit im wahrsten Wortsinn Lebensmittel, an denen möglichst alle Menschen teilhaben sollen. Kunst und Kultur sind unverzichtbare Elemente einer dem Ziel der menschlichen Stadt verpflichteten Stadtentwicklung, die über die technische Infrastruktur weit hinausgeht. Und sie bilden damit einen Kernbereich kommunaler Autonomie und sind wesentlicher Bestandteil der Daseinsfürsorge.

Gerade in unserer Stadt hatten und haben Kunst und Kultur hervorragende Voraussetzungen, um sich verwirklichen zu können: und sie treffen auf ein Publikum, das interessiert und aufgeschlossen ist. Nach wie vor gilt: Kultur ist und bleibt ein Lebensmittel für den Menschen. Sie ist die Bewahrerin des Guten und Geistigen und damit des Wahren, Freien, Schönen und Rechten. Sie ist das große Lösungsmittel für Dummheit und Hass.

Beugen wir uns nicht dem Diktat der Medien und Märkte, sondern erfreuen wir uns an den Werken der Kunst, die Zeit und Ort überdauern und gegenwärtig sind und bleiben; auch an den Exponaten dieser Ausstellung, die in ihren ästhetischen Erscheinungsformen Zeugen sind des immer währenden menschlichen Schöpfergeistes.

Bernd M. Kraske