Hanno Edelmann, Holzschnitte & Radierungen

Junge Frau, Holzschnitt, 1991
Junge Frau, Holzschnitt, 1991

Sonntag, 26.7.2015
11:30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Hanno Edelmann: schwarz – weiß
Holzschnitte & Radierungen
Dauer der Ausstellung bis 13. September 2015

 

Hanno Edelmann war ein entschlossener Einzelgänger, ein ernsthaft Unzeitgemäßer, eine äußerst sensible Künstlerpersönlichkeit, der nichts so wichtig war, wie die eigene Arbeit, das künstlerische Gestalten. Ganz gleich ob er sich als Plastiker, Maler oder, wie in dieser Ausstellung, als Radierer und Holzschneider ausdrückte, immer ging es ihm um den Menschen; als Einzelnen und auch als Einzelgänger, der Mensch aber auch in seiner Beziehung zum Anderen, zu den Anderen, verbunden mit ihnen durch Zufall, durch Zeit und Raum.

Selten nur begegnen uns dabei seine Menschen losgelöst vom Medium der Kunst. Immer ist ihre Aura um sie, ist sie die große mütterliche Mittlerin und Lenkerin menschlichen Tuns. Edelmanns Menschen malen, musizieren, lesen, spielen und führen scheinbar endlose Gespräche miteinander. Sie führen ein äußerst kultiviertes Leben, das aber keineswegs nur als heil und gesund anzusprechen ist. Ihr Tun geschieht meist verschämt und heimlich, so als wollten sie sich nicht stören, sich hinter vorgezogenem Vorhang nicht überraschen lassen bei subversiver Beschäftigung und verbotenem Treiben. Und, es trieb ihn immer wieder dazu Venedig als Motiv zu nutzen, das Leben in der Serenissima, das ihm geradezu beispielhaft war für die Verbindung von Schönheit und Untergang, getreu den Zeilen von August von Platen Hallermünde: „Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheim gegeben…“. Aber auch in Griechenland fand er ein Arkadien, in welchem Mensch und Landschaft  als unverbrüchliche Einheit existieren konnten und ihren Tagträumen nachhängen durften.

Was hier wie da geschieht, scheint nicht ganz geheuer, immer aber interessant. Eine Atmosphäre verjährter Nervenexentrizität und neurotischer Unterteuftheit macht sich breit.  So, könnte man behaupten, sähe es im elfenbeinernen Turm aus, der Fluchtburg des Schönen, des Geistes und der Moral. Aber – sind Edelmanns Menschen denn wirklich Aussteiger und Außenseiter, oder sind sie doch eher Verfolgte und an den Rand Gedrängte, ausgespuckt und verachtet von den Gesunden, Blonden und Blauäugigen, den Erfolgreichen und Starken?

Der Verdacht zumindest legt sich nahe. In seinen Werken wird bildhaft vor Augen geführt, was ehedem die Literatur beschäftigte und in Atem hielt: der Gegensatz von Kunst und Leben, die Schwierigkeit, als Künstler auch Bürger sein zu dürfen. Der Kunst schien ihre Abgegrenztheit vom alltäglichen Leben, von den Wonnen des Gewöhnlichen, inhärent. Hanno Edelmann war als Künstler frei und menschenstolz genug, um dies so zu sehen. Er war Künstler und nicht Macher oder Produzent. Kunst, so wusste er, kommt eben nicht von „können“, sondern von „künden“. Der Künstler ist eben ein Künder, einer, der die Wahrheit über die Welt und unsere Rolle in ihr kennt und ausspricht, was bei ihm hieß: malen, radieren, schneiden und modellieren.

Hanno Edelmann, 1923 in Hamburg geboren und dort im Juli 2013 gestorben, war seiner Vaterstadt zeitlebens treu geblieben. Hier hatte er studiert, hier hatte er seine künstlerische Ausbildung erhalten, bei Willem Grimm. Bei Werner Haftmann und anderen. Natürlich teilte auch er das Los seiner Generation: Krieg und Gefangenschaft musste er in Frankreich und später in Russland, in Sibirien zumal, erleiden. Vielleicht war es das Medium der Kunst, das ihm Antwort gab auf die Fragen nach diesem Geschehen, nach der Verantwortung dafür und der Suche nach einem Weg, solcherlei Menschenschinderei nicht nochmals zuzulassen. Vielleicht liegt auch hier der Grund dafür, dass die von Edelmann dargestellten Menschen oft Künstler und Außenseiter sind. Ihre Leiden, so wusste er aber auch, beraubt sie keineswegs ihres natürlichen Adels. Leidende sind Auserwählte eben auch, und das gibt ihnen Hoffnung, Stärke, Duldsamkeit und Auftrag. Wie sonst konnte ein junger Mann wie Hanno Edelmann nach Absolvierung seines Studiums ein Leben als Maler führen, als freischaffender Künstler, wie wir meist sagen, um etwas ganz Ungewöhnliches an diesem Vorgang zu unterstreichen, die Tatsache nämlich, dass hier jemand auf das bisschen bürgerlicher Sicherheit pfiff, um frei und ungebunden zu sein, für die selbst auferlegte Lust und Last, nur Künstler sein zu wollen und sonst nichts?

Dank einer gute und gnädigen Führung von oben hatte er diesen Weg lange und gut gehen können, eng begleitet und unterstützt durch seine Frau Erika, die selbst Künstlerin ist. Hanno Edelmann war ein bekannter Mann, dessen Oeuvre in unzähligen Ausstellungen zu sehen war und noch immer ist, dessen Werke in bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen zu finden sind. Bei allem äußeren Erfolg war er dennoch ein durchaus bescheidener Mensch, einer, dem das Gespräch, das Reden wie das Zuhören wichtig waren; der sich umgab mit Bildern, Büchern und Plastiken, der musizierte und komponierte, dem ein Leben ohne und außerhalb der Kunst nicht möglich war.

Sein künstlerisches Werk ist dabei äußerst vielseitig. Neben den Holzschnitten und Radierungen, denen diese Ausstellung gewidmet ist, sind es vor allem großformatige Bilder in Öl, Aquarelle und Zeichnungen, dazu Plastiken aus Bronze, von denen einige wenige unsere Ausstellung schmücken. All dies bildete und erschuf Hanno Edelmann nebeneinander, indem er jedem Einzelwerk die gleiche Aufmerksamkeit und Achtung schenkte, die es brauchte, sich zu entwickeln, zu wachsen, bis zur Endform. Als Künstler war er dabei zu wach und klug, um nicht zu wissen, dass jedes Kunstwerk seinen eigenen Willen hat, dass dieser durchaus unabhängig ist vom Willen des Malers, der Medium ist, von dessen Inspiriertheit und Individualität das Kunstwerk dennoch abhängig bleibt und ohne sie nicht in der Welt wäre.

Und Hanno Edelmann war sich immer bewusst, dass sein Tun auch Spiel bedeutet, dass ihm Kindlichkeit und Ernst anhaftet, aber auch der Sinn für Spaß und Spott, für augenzwinkernde Fröhlichkeit und spritzende Ironie. Achten Sie nur auf die Titel, die er seinen Werken gab. Sie erklären oftmals neutral und schlicht, treiben aber auch Spott, manchmal gar mit Entsetzen. Wie sonst wären solche Radierungen wie „Pöseldorferinnen“, „Arsen und Spitzenhäubchen“, „Der geschenkte Gaul“, „Zwei, die etwas auf der Bank haben“ oder auch „Kellergeister“ und „Artisten“, um nur diese zu nennen, überhaupt erst denkbar? Zuletzt sind diese Titel natürlich Vehikel, die helfen sollen, dem Unbenennbaren einen Namen zu geben, auf die Doppelbödigkeit der Aussage des Kunstwerks hinzuweisen, auf seinen Dualismus, der ihm tief innerlich eignet. Es ist der Dualismus von Frau und Mann,von Weisheit und Narretei, von Liebe und Tod, aber auch der von schwarz und weiß, von gestaltet und leer, von Farbigkeit und Monochromie, um den die Werke Edelmanns schon immer kreisten, und auch immer halten sie dabei die Ballance zwischen den sie bestimmenden Einflußsphären.

So verweist uns Hanno Edelmann letztlich auf uns selbst. Wir sind in der Welt, uns ist sie übergeben, nicht zur Heimsuchung, Ausplünderung und Ausrottung, sondern um ihr ein menschliches Antlitz zu verleihen. In der Imagination des Künstlers, in seinem Werk vollzieht sich diese Aufgabe symbolhaft, wie überhaupt alle Kunst symbolisch verantwortlich ist und bleibt, für das, was wir tun.

Hanno Edelmann zeigte, dass Ästhetik nicht ohne Ethik auskommt. Er konfrontierte uns auf seine Weise mit der Wirklichkeit, um die es nicht immer zum Besten steht, aber er spendete auch Trost und Zuversicht, indem er etwas vermittelte von der höheren Heiterkeit allen Seins, das zu erreichen unser aller Ziel sein sollte.

Museum Rade am Schloss Reinbek, Sonntag, 26. Juli 2015
Bernd M. Kraske