Malerei von Marlene Jahn

Jahn, Figuren
Figuren-Rhythmus, Öl, Eitempera/Lwd, 2006

Sonntag, 17.5.2015
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Wege ins Unbekannte
Malerei von Marlene Jahn
Dauer der Ausstellung bis 19.7.2015

 

 

Die Hamburger Künstlerin Marlene Jahn ist bei uns in Reinbek längst keine Unbekannte mehr. In den Jahren 1991, 2006 und 2012 waren ihre Werke im Schloss zu sehen. Davor und dazwischen liegt eine lange Reihe von Einzelpräsentationen ihrer Bilder; etwa im Kunstverein Zweibrücken, im Internationalen Congress Centrum Berlin, im Schwedenspeicher-Museum Stade, im Grand Palais-Salon de Mai-Paris, im Istituto di Cultura in Bologna, im Kunstverein Husum, bei der Internationalen Biennale in Fulda, in den Museen Eckernförde und Bad Schwartau, im Schloss Ritzebüttel, Cuxhaven und in diversen Galerien in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Berlin, Bremen, um nur diese zu nennen.

Mache dieser Ausstellungen habe ich begleiten dürfen und jedes mal hatte ich eine neue, eine ins Ungefähre fortentwickelte Ausstellung vor Augen. So auch diesmal. Dabei ist Marlene Jahn ihren Themen weitgehend treu geblieben, der Mensch versteckt und auch verstrickt im Gewimmel der Vielen; die Landschaft im Süden und die von aller Gegenständlichkeit losgelösten Farbspiele. Schon immer schwebten ihre Tableaus zwischen Abstraktion und Konkretion, allerdings verschieben sich die Akzente mit zunehmender Dauer in Richtung auflösender Abstraktion hin zum Informel.

Diese Malerei ist ganz und gar auf Gegensätze gestellt: auf den Gegensatz etwa von Hell und Dunkel, von Linie und Fläche, von Harmonie und Chaos, von Ruhe und Erregung, von Offenbarung und Verschlüsselung. Die handwerkliche Palette, über die Marlene Jahn verfügt, kann sich sehen lassen: Ölfarbe, Eitempera, Aquarell, Pastell, Kohle, Kreide und Graphit stehen ihr zu Gebot, und sie verfügt souverän und sehr eigenständig darüber, indem sie subtile Kombinationen, Vermischungen also, schafft, die sich ganz und gar in den Dienst der Themen stellen und ihre innere Wesenheit somit an die Oberfläche bringen. Es sind also Gegensätze die Marlene Jahns Bilder so reizvoll machen, die unsere Sinne und Phantasie beschäftigen, die aber auch zur Verwirrung und Ratlosigkeit führen können, nicht allerdings im ästhetischen, sondern immer nur im Logischen, im Beziehungssinn.

Mehr als in den Ausstellungen zuvor, bleibt die Gestalt des Menschen im beinahe Unsichtbaren. „Unerwartete Begegnung“ ist beispielsweise solch ein Bild, auf dem man das menschliche Antlitz kaum mehr im Gewimmel der Formen und Farben erkennen kann. Der Mensch unserer modernen Welt hat sich weitgehend entpersönlicht, er ist Teil eines Beziehungsgeflechts geworden wie es insbesondere auf den Kohle- und Kreidezeichnungen vorgeführt wird. Selbst dort wo Menschen aufbrechen zur Begegnung und Zweisamkeit oder in Gruppen beieinander stehen, scheint eine Distanz zwischen ihnen auf, eine unsichtbare Trennschicht, die jedes Individuum ins jeweilige Alleinsein verweist. Ein zaghaftes, halbes und heimliches Empfinden, eine Sehnsucht nach dem Nächsten, nach menschlicher Wärme und Zuneigung wird dennoch deutlich.

Die graue Menge die auf dem „Aufbruch“ betitelten Bild wie auch auf dem Tableau „Jungfernstieg“ ineinander und aneinander vorbei drängt, bindet nicht so sehr individuelle Beziehung, sondern gemeinsame Bewegung, die Dynamik des überindividuellen Erlebens selbst. Nur manchmal blitzt ein wenig Rot aus dem dominierenden Grau-Weiß hervor, ein flüchtiger Hinweis auf die Erfüllbarkeit menschlichem Miteinanders, einer unerwartete Begegnung vielleicht.

Dominierend in dieser Ausstellung sind Marlene Jahns Landschaften, die sie zu farbintensiven Abstraktionen verdichtet. Schon im Eröffnungsbild „Speicherstadt“ sind Assoziationen an typische bauliche Details der Hafenarchitektur farbsatt und intensiv zu einer trunkenen Abstraktion komponiert, in der es nicht mehr um Gegenständlichkeit und ihre örtliche Fixierung geht, vielmehr um ihr Gegenteil: um flüchtiges Vorübergleiten einmal empfangener Eindrücke. Auf den Garten- und Frühlingsbildern setzt sich diese Malweise deutlich fort. Eine Überfülle an Farben und ineinander verschlungenen Formen erinnert noch von fern an üppigste Flora, und es brauchte kaum der dem Italienische entlehnte Titel, um sich sicher zu sein, einen Blick in die Gärten eines überblauten Wonnesüdens zu werfen.

Es liegt dabei auf der Hand, dass die Landschaftsbilder ihr Entstehen Reiseeindrücken verdanken. Es geht zunächst lediglich darum, Erlebtes und Geschautes für sich selbst bewahrend festzuhalten. So wie andere Menschen Urlaubslandschaften mit der Kamera festhalten, postkartengleich, so will Marlene Jahn im Medium ihrer Malerei festhalten. Die Bilder entstehen dabei ausnahmslos im Hamburger Atelier, ohne Vorlagen in Form von Fotografien oder Skizzen. Auch sollen keine geografisch wiedererkennbaren Orte gezeigt werden, sondern die Sinneseindrücke und Stimmungen, welche die Malerin von ihnen empfangen hat. Es geht um Traum und Rückbesinnung, um Hervorrufen der Atmosphäre, wie sie der Reisenden in den Sinnen und Poren ihrer Selbst hängen geblieben sind. Wir alle, die wir in bunten Bildern unsere Urlaubsparadiese mit nach Hause bringen, wir alle machen dabei die Feststellung, dass das Abbild allenfalls Erinnerungen wachrufen kann, kaum aber dazu taugt, Stimmungen, Gefühle, Atmosphäre wieder herzustellen. Da hat es die Malerin besser. Sie liefert nicht das Abbild, die krude Wirklichkeit, sondern das Bild eines Platzes, eines Ortes, einer Landschaft. Im Bild entstehen die Aura und der Geist eines Ortes, es widerspiegelt dessen Verfassung, seine Essenz. Wo sich das Abbild mit der Realität begnügen muss, spiegelt das Bild deren Wahrheit. Dies ist eine höhere Stufe der Erkenntnis.

Auf den kleinen, subtilen Aquarellen und Gouachen ist die Abstraktion des Bildhaften hin zum Informel am konsequentesten voran getrieben. Nur noch die Titel der Blätter erinnern an einmal geschaute Landschaften. Diese sind aufgelöst in ein Farbenspiel stark leuchtender Kontraste oder in eine geradezu kühl wirkende Distanziertheit, die aber doch wohl nichts anderes ist, als das Hervorrufen von Licht und Materie in seiner entrücktesten Form. Marlene Jahns Malerei zeigt die Grenze auf von Wissen und Erfahrung, von  Wahrnehmung und Verborgenem, und sie macht sich auf den Weg ins Unbekannte. Panta rhei – alles fließt, nichts darf als gesichert gelten, alles und jedes ist einem dynamischen Prozess von Werden, Vergehen und erneutem Beginn unterworfen. So alt und ewig jung dieses Wissen auch ist, die Kunst hat die sinnfällige und sinnbildliche Möglichkeit uns diesen Vorgang immer wieder klar zu machen, bietet aber auch die Gunst, für Momente davon auszuruhen.

Hierin ähnelt die künstlerische Haltung Marlene Jahns derjenigen der Expressionisten. Es hätte gar nicht erst solcher Titel wie „Aufbruch“ bedurft, um diese Assoziation herzustellen. Das Postulat der Expressionisten, dass der Weg das Ziel sei, das Beharrung und Erdenschwere nichts, der Aufbruch hin ins Unbekannte, seine Bewegung und seine Dynamik dagegen alles seien, wird hier und heute erneut eindringlich vorgeführt.

Lassen wir doch ein wenig von dieser Aufbruchstimmung in uns ein, und blicken wir auf das Leben und das Gesicht unserer Zeit. Das Bild des Menschen und allen lebendigen Seins immer wieder vor uns aufzurichten, ist Aufgabe der Kunst. Dies mit allen Sinnen aufnehmen zu können macht uns recht eigentlich zu Menschen, macht uns kulturfähig. Begegnen wir also den Botschaften der Kunst mit Menschenstolz und Dankbarkeit dafür, dass wir nicht nur sehen und begreifen können, sondern durch sie auch fähig sind, die Wahrheit hinter der Wirklichkeit zu erkennen.

Bernd M. Kraske

Ausstellung Bruno Paetsch

Bruno Patsch, Selbstporträt; Öl/Lwd., o.J. (1950er Jahre
Bruno Patsch, Selbstporträt; Öl/Lwd., o.J. (1950er Jahre)

Sonntag, 22.2.2015
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Bruno Paetsch
Ein Danziger Maler
Das Spätwerk 1945 – 1976
Dauer der Ausstellung bis 3.5.2015

 

Bevor Sie Prof. Dr. Wolfgang Drost mit der Person Bruno Paetsch bekannt macht, gestatten Sie mir ein paar Worte zu dieser Ausstellung. In ihr begegnet uns ein Maler altmeisterlichen Formats. Seine Tableaus in Öl, seine Pastelle, Mischtechniken, Radierungen und Drucke erlauben einen faszinierenden Einblick in die künstlerische Ideenwelt ihres Meisters. In dieser Welt geht es klar und geordnet zu, dabei mitunter nicht ganz geheuer, immer aber interessant und überzeugend, auch und gerade dort, wo uns ein leichter Sehnsuchtsschauer anweht. Diesen nehmen wir schon darum wahr, weil uns Bekanntes begegnet, Botschaften aus der Welt der Literatur und der Mythologie zumal, frohe Botschaften vom Menschen und der Natur, Botschaften von Städten, versunkenen und neu entdeckten. Über allem weht ein Hauch von Melancholie und die Erkenntnis, dass die Welt von einst nur noch in der Erinnerung und den Geschichten von ehedem existiert.

Bruno Paetsch wendet sich diesen Geschichten zu, den Geschichten, die in der Weltliteratur und den Mythen überdauernd versiegelt liegen. Er hebt sie in sein Medium, und stellt sie uns in einfachen, stets eindringlichen Bildwerken vor. Da begegnen die großen Dramen William Shakespeares, da sind es De Costers „Ulenspiegel“ und Daniel Defoes Erzählung vom Schiffbrüchigen Robinson, Miguel de Cervantes Epopöe vom Don Quijote wird herauf beschworen und Goethes Faustdichtung. Es sind nicht die Mächtigen und strahlenden Helden um die es dabei dem Maler zu tun ist, vielmehr geht es ihm um die Antihelden, um die Schwachen und die Einzelgänger, um die Gaukler und Künstler, um die Randgestalten der Gesellschaft. Der Ritter von der traurigen Gestalt, Peregrina, die nicht dazu Gehörige, der heimkehrende verlorene Sohn, aber auch der Narr Eulenspiegel, der vertrieben umherirrende Lear, der schalkhafte Strippenzieher Puk und Mephisto, der Teufel selbst; und, schließlich, der Gestrandete Robinson.

Gerade der Robinson scheint mir eine Gestalt zu sein, mit der sich Bruno Paetsch besonders anfreunden konnte. Er ist einer, der ohne eigene Schuld aus der Zeit gefallen ist, der alles verloren hat, was Menschen doch so wichtig ist: Familie, Freunde, Heimat, ja die gesamte angestammte Zivilisation selbst. Natürlich hat das mit der Vita des Malers zu tun. Wer,  wie er, aus seiner Heimat gehen musste, wer zweifach Krieg erlebt hat, Verlust und Tod der Vertrauten ringsum, der fühlt sich einsam im Gewimmel der Vielen und Fremden, nimmt Zuflucht bei den Bildern von einst. Diese kontemplative Haltung drückt sich auch in den meisterhaft gestalteten Stilleben aus. Paetschs Altersgenosse Giorgio Morandi hat diese Kunst im Zwanzigsten Jahrhundert zu neuer strenger Blüte geführt.  Es geht um das herauf rufen von Vergangenheit, nicht so sehr ihrer kruden Wirklichkeit, als vielmehr ihrer immanenten Wahrheit. Sie gilt es im Bild zu befestigen, sie zu bewahren für die Nachfolgenden. So sind wohl auch Paetsch´s Blumenbilder und Städteansichten zu deuten, von Tübingen etwa oder des neuen Lebenshintergrunds Hamburg.

Dass es in dieser Ausstellung nur ganz wenige bildhafte Erinnerungen an seine Heimatstadt Danzig gibt mag überraschen. Die auf der Hand liegende Erklärung ist, dass es wohl viele Bilder von Danzig gab, die aber durch die Wirren von Krieg und Flucht verloren gegangen sind. Dennoch: dem Maler verblieben immerhin gut 30 Jahre in Hamburg, eine Zeitspanne, in der nochmals ein großes Werk entstehen und reifen konnte. Lediglich drei Bilder in dieser Ausstellung beschäftigen sich mit der Heimatstadt. Es scheint Scheu gewesen zu sein, die den Maler davon abhielt zu tief in der Erinnerung der Bilder zu kramen. Sie hervor zu rufen hätte auch bedeutet, sich ihren Verlust immer wieder deutlich zu machen.

Die erdichteten Gestalten aus Mythologie und Geschichte dagegen konnte einem kein Krieg zerstören, kein Menschen schändendes System auslöschen; anders die Baulichkeiten der Heimat. Diese behielt Bruno Paetsch, so mein Eindruck, tief in seinem Innern verborgen, einen  Schatz, den ihm niemand mehr nehmen konnte. Sie darzustellen, hieße, sie zu teilen, der Nachwelt preis zu geben, als Abbild der Wirklichkeit, nicht aber als Zeugnis der Wahrheit.

Der Maler wollte in seinem Werk nichts verklären, keine rückwärts gewandte Utopie postulieren, sondern sich in seiner Malerei nur ruhig aussprechen dürfen. Malen war für ihn Zeugnis ablegen vom Schöpfergeist der Natur und des Menschen darin.

Nun darf ich Sie, verehrter, lieber Herr Professor Drost bitten, uns die Person des Malers Bruno Paetsch näher zu bringen.