Teubert, Gezeichnete Landschaft

Teubert, Hartmannsdorf
Rainer Erhard Teubert, Hartmannsdorf 1986, Kohlezeichnung

Sonntag, 20.7.2014
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Rainer Erhard Teubert
Gezeichnete Landschaft – Eine Auswahl aus 60 Jahren
Dauer der Ausstellung bis 14.9.2014

 

Der Maler, Zeichner und Lyriker Rainer Erhard Teubert, der in ländlicher Abgeschiedenheit in Grinau, nahe Lübeck lebt, stellt bei uns in Reinbek zum wiederholten Male aus. Er ist hierzulande kein Unbekannter. Viele Ausstellungen waren im Lande zu sehen. 2006 zeichnete ihn die Stiftung Herzogtum Lauenburg mit ihrem renommierten Kulturpreis aus.
Aufgewachsen in Hartmannsdorf am Rande des Erzgebirges, war er von ländlichen Räumen umgeben, von Naturlandschaft, die prägend für ihn war und ist und in seinem künstlerischen Werk tiefe Spuren hinterlassen hat.
Um Landschaft geht es auch in dieser Ausstellung, um gezeichnete Landschaft, um Werke, die in sechzig Jahren beharrender, künstlerischer Arbeit entstanden sind. Teubert bedient sich dabei diverser Techniken: Stahl- und Rohrfederzeichnungen sind zu sehen, Bleistift- und Kohlezeichnungen, dazu farbige Kreiden und Buntstiftblätter, ergänzt durch Mischtechniken, in denen Pastell, Graphitstift und Aquarell zusammenwirken.
Bereits der 12-jährige entdeckte im Luftschutzkeller in Zwickau die fein strichigen Feder- und Bleistiftzeichnungen des im Hause lebenden Kunstmalers Eduard Benseler und war von dem Gekritzel auf Anhieb fasziniert. Entgegen einer landläufigen Meinung, die der Zeichnung, zumal der Beschäftigung mit Landschaft, nur eine untergeordnete Rolle im Spektrum der Bildenden Kunst zuweist, blieb Teubert der Landschaftszeichnung über 60 Jahre treu. Er zitiert in diesem Zusammenhang gerne Max Liebermann, der da schrieb, er wisse, „…dass die zeichnenden Künste von Seiten des Publikums stiefmütterlich behandelt werden, obgleich sie ein besonderes Interesse beanspruchen dürften, weil der Stift williger den Intentionen des Künstlers folgt, so gibt die Zeichnung einen mehr unmittelbaren Einblick in sein Schaffen.“
Und, Teubert hat sich eine weitere Aussage Liebermanns zu eigen gemacht. Dieser schrieb: „Mehr noch in dem was er malt, zeigt sich der Künstler in dem was er nicht malt. Je näher die Hieroglyphe – und alle Kunst ist Hieroglyphe – dem sinnlichen Eindruck der Natur kommt, desto größere Phantasietätigkeit war erforderlich sie zu erfinden.“
Bei Teubert sind es Berge, Felder, durchziehende Wege, einzelne Feldmarken, Bäume etwa oder auch Häuser die als Impulsgeber aufgefasst werden, als Energiefelder, die das spätere Kunstwerk evozieren. Teubert reduziert all diese Formen auf wenige Chiffren und Zeichen, auf Hieroglyphen, um mit Max Liebermann zu sprechen. Immer klarer werden die Flächen und Formen, immer mehr wird überflüssiges Gepräge beiseite geschoben, damit der Blick frei wird auf das Zentrum von Landschaft, auf das ihr eigene Typische, losgelöst von Ort und Zeit. In der Landschaft findet er etwas vor, was ein Bild in ihm provoziert. Es geht ihm aber nicht darum dieses Bild ab zu gestalten, es abzubilden, sondern es geht darum, das innere Bild zu finden, in dem die wesentlichen Merkmale der vorgefundenen Situation enthalten sind. Dieses innere Bild gilt es sich zurecht zu machen, wie er immer wieder betont.
Damit aber ist er dem Mysterium von Landschaft auf der Spur, einer Umsetzung der äußeren Landschaft zur inneren Seelenlandschaft. Es geht also nicht um romantische Umformung, sondern vielmehr um Distanz, um deutliche, schroffe, radikale, mitunter auch ironische Behandlung des Vorgefundenen, um einen artifiziellen Umgang mit Landschaft. Nur wer die Distanz wahrt, wird sich die Neugier erhalten.
Schon auf den ältesten Blättern dieser Ausstellung, die noch während des Studiums an der Universität von Greifswald entstanden sind, kündigt sich diese Distanz an. Fein sauber sind die Striche mit der Rohrfeder gesetzt, etwa auf den Bildern von Wustrow oder den Bleistiftzeichnungen von 1959, die bereits stark reduziert daher kommen, mehr verschweigend als mitteilend.
Nachdem Teubert die DDR verlassen hatte, war es wieder die Landschaft, in der er sich geborgen fühlte. In seinem Gedicht „Angekommen“ spricht er davon:
Als ich / in mein neues Land / kam / blühte / der Raps /
Sein Gelb gefiel mir

Der Lyriker Teubert spricht hier aus, was der Zeichner schon immer zum Thema hatte. Wiederkehrende Bildsymbole wie Wind, Bäume oder auch die Farbe Gelb verweisen auf Beständigkeit im Wechsel. Sie waren schon immer da und werden immer bleiben, ganz egal wo unser Weg auch hingeht. Diese Bilder haben sich tief eingeprägt, sind Impulsgeber und Kraftfelder aus denen wir die Wahrheit erfahren über die Welt und auch über unsere Rolle in Ihr.
In der neuen Heimat sind es die Felder des benachbarten Bauern Blunk, die Teubert immer wieder zum Schaffen inspirieren. Streifige Linien, ansteigend oder abfallend ziehen ihre Bahn, schwarz und weiß, spärlich in ihrem Duktus oder auch in wildem, verwirrenden Ineinander von Linien und Flächen, dazu in dreifarbiger Überfülle. In allen Jahreszeiten werden sie beobachtet und im Inneren vermerkt, bis sie zum Ausdruck drängen, auch zum lyrischen:

Blunks Felder

Festhalten / am Dorf / An Scheune und Haus
Festgehalten / an Busch und Wald / Endend dort / Furche und Saat
Damit der / Raps und sein Gelb / nicht über den / Horizont / sich flüchten

Wir haben es gesagt: in seinen Wort-Bildern wie in seinen Bild-Bildern verdichten sich Erinnerungen, Gefühle und Gedanken zu kunstvollen Botschaften jenseits der kruden Wahrnehmung. Nicht um Mitteilung und Abbildung konkret geschauter Orte und gefühlter Wirklichkeiten geht es, sondern um deren immanente Wahrheit, um die Richtig- und Wichtigkeit der Atmosphäre des Augenblicks, als Anhauch der Ewigkeit, umweht vom „Schattenwind“ des Lebens, um einen Titel von Teuberts Gedichtsammlungen zu zitieren.
Die Ansicht der Landschaft und die tief innere Distanz dazu, die eine immerwährende Neugier möglich macht, das sind die Konstanten in Teuberts künstlerischem Schaffen. Er selbst gebraucht in diesem Sinnzusammenhang immer wieder gern ein Wort von Rainer Maria Rilke: „Wir sind gewohnt, mit Gestalten zu rechnen, und die Landschaft hat keine Gestalt, wir sind gewohnt, aus Bewegungen auf Willensakte zu schließen, und die Landschaft will nicht, wenn sie sich bewegt…“
Was Rilke so postuliert, ist die Autonomie von Landschaft. Um diese Autonomie kreist das Werk Teuberts und um das Gesicht der Landschaft, das immer wieder neu, immer wieder anders und dabei seltsam beharrend uns begegnet. Er selbst betont immer wieder: „Die Landschaft ist autonom. Der Betrachter soll sie für sich deuten. So bleibt sie erholsamer Geheimnisträger für die Phantasie und Mitbasis für menschliches Wohlbefinden.“