Tierisches aus aller Welt

Gaugin, Laufender Seehund
Paul René Gaugin: Laufender Seehund

Sonntag, 24.11.2013
11.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung
Tierisches aus aller Welt…
Zu Wasser, zu Lande und in der Luft
Kunstwerke aus dem Fundus des Museum Rade
Dauer der Ausstellung bis 16.2.2014

So heißt die neue Ausstellung im Museum Rade, die ganz und gar mit Exponaten aus der Sammlung des Museumsgründers Rolf Italiaander bestückt ist. Zusammengestellt hat die Ausstellung Gudrun Thiele, die wie keine zweite Person die Sammlung kennt und mit ihr lebt und die auch das Thema bestimmt hat. Es geht weitgehend um volkstümliche Kunst aus aller Welt. Bekannte und unbekannte Künstlerinnen und Künstler aus allen Weltgegenden sind vertreten, ganz getreu dem Credo des Gründers Italiaander, dem die Kunst ein Mittel der Völkerverständigung war und der darin mehr sah, als nur den schönen Schein des Kunstwerks. Es selbst war ihm Teil einer nonverbale Sprache, die alle Menschen verstehen können. Wer aber miteinander kommunizieren kann, bleibt sich nicht mehr fremd. Und es geht darum, dass alle Kunstwerke für den Betrachter lesbar sind. Man braucht kein Spezialwissen, keine Schulung des Intellekts und schon gar keine Ästhetiktheorie bemühen, um sich in der aufgebauten Bilderwelt zurecht zu finden.
Die beinahe sechzig Exponate spiegeln die Welt der Tiere, ihre natürliche Lebensweise ebenso wie diejenige als Partner des Menschen. Seit alters her sind in der Bildenden Kunst Tierdarstellungen überliefert. So stehen schon die Felsbilder der Altsteinzeit ganz im Bann des Tieres, der Rinder und Pferde zumal, aber auch anderer Vierbeiner wie Mammut und Wollstier etwa, die längst ausgestorben sind, und von deren Existenz wir nur noch durch ihre frühen Darstellungen wissen. Durch die Jahrhunderte dann wandelte sich diese Darstellungsweise vom reinen Abbild zum überhöhenden Symbol. Tiere wurden in der Darstellung zu Wappentieren, standen für Stärke und Majestät wie der Löwe, für Schläue und Gerissenheit wie der Fuchs, für Frieden etwa wie die Taube. Noch heute sind diese Symbole gebräuchlich, begegnen auf Fahnen, Orden und ähnlichen Emblemen.
In dieser Ausstellung geht es einzig und allein um Tiere als Wegbegleiter des Menschen, um ihre ästhetische Erscheinung und die Freude über ihre Existenz. Wir haben es gesagt: es sind vor allem volkstümlich sich gebende Darstellungen, häufig von Laien gemalt, von Sonntagsmalern, die in naiver Manier und Lust am schönen Tun zu Werke gegangen sind. Bilder aus allen Erdteilen finden sich hier versammelt, unbekümmert meist im Umgang mit Proportion und Perspektive, verliebt einzig ins Motiv und ohne Anspruch auf einen wie auch immer gearteten Kunstwert. Gerade das Absehen von alledem lässt die Tierbilder dieser Ausstellung so fröhlich daher kommen, oft voller übermütiger Farbigkeit und expressiver Formensprache.
Da begegnen lila Elefanten und rote Kühe, da schlängeln sich grellbunte afrikanische Schlangen dekorativ durchs Bild, da wird ein übergroßer Fisch stolz von mehreren Männern getragen, da blickt uns eine Steinkuh geradezu verliebt entgegen und schürzt ihre rosigen Lippen, als wolle sie Küsse verteilen. Vielleicht gelten sie ja ihren Schwestern auf dem japanischen Holzschnitt, die als Herde in ihrem mosaikartigen Gewimmel unsere Aufmerksamkeit sofort beanspruchen wie auch das daneben hängenden Tableau mit den Fischerbooten und dem Gewirr der Vögel darüber.
Manch eine der Tierfiguren kommt uns rätselhaft vor ob ihres mythologischen Charakters, der auf altindische oder buddhistische Märchen und Mythen verweist. Wenn wir sie auch nicht immer genau deuten können, so freuen wir uns doch über ihre phantasievollen, immanenten Botschaften, die auf etwas verweisen, weit zurück oder vielleicht doch weit voraus in der Zeit? Wer weiß?
Aber auch bekannte und anerkannte Meister der Bildenden Kunst sind in dieser Ausstellung vertreten. Europa und der Stier verweist uns ins Reich antiker Bilder und Vorstellungen, Tauben und Kühe von den Hamburgern Hagedorn und Kluth sind ebenso vertreten wie Pferd und Reiter von Edwin Scharff, der auch und gerade in Hamburg seine Spuren hinterlassen hat. Diese Künstler waren alle mit Rolf Italiaander bekannt, mitunter befreundet, und so haben ihre Kunstwerke bei uns Einzug halten können. Dazu zählt natürlich auch der Enkel des Südseemalers Gauguin, Paul René Gauguin, der gleich mit fünf geradezu übermütig wirkenden Holzschnitten vertreten ist, wie dem des laufenden Seehunds auf dem Titelbild der Einladung zu unserer Ausstellung. Noch übermütiger, geradezu frech und auch ein wenig obszön treibt es der Berliner Friedrich Schröder-Sonnenstern mit seiner „ Pussy, der mondmoralischen Märchenwundersau vom Kurfürstendamm“. Und auch Bele Bachems „Winterschlaf“ nimmt es nicht genau mit den Formen der Natur, sondern verbindet Mensch und Tier zu einem turbulenten Mit- und Ineinander. Hier wie da wird ein dionysisches Fest aufgeführt, fern aller Logik und Moral aber von großem ästhetischen Reiz.
Nimmt man alles in allem, so bestaunen wir eine losgelöste Kunstwelt, in der das Tier um seiner selbst willen erscheint, als kreatürliche Existenz, frei und unabhängig vom Menschen, allenfalls als sein Freund, Gehilfe und Partner. Es ist die Freude am Leben selbst, die auf den Kunstwerken der Ausstellung begegnet, getreu dem Italiaander´schen Motto: „Die Welt ist schöner als Du denkst.“

Museum Rade am Schloss Reinbek
24. November 2013

Bernd M. Kraske